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Heroes

Wer damals in den Jahren erster Auto-Mobilität was auf sich hielt, hatte möglichst lauten Wumms in der Karre. Der gestaltete sich nicht selten in abenteuerlich verlegtem Kabel-Spaghetti, sowie Aufbau- oder Einbauboxen auf der Hutablage (Für die U-35er: Hutablage=Stilelement alter Stufenheck-Limousinen).

Cassetten diverser etablierter Hersteller standen für eine ebenso vielfaltige Bandbreite an Charakteren, sprich, Autobesitzer. BASF nutzten viele, das war klar Mainstream, und die Jungs mit Cassetten von TDK waren immer was Besonderes. Bei den einen lagen die Teile kreuz und quer durchs Auto verteilt, von Türablagefächern bis hin zu Hadschuhfach, Ausdruck einer noch ausbaufähigen Ordnung der Systeme, und die Könige installierten Technik-affin die "C-Boxen" in die Mitte der Armaturenlandschaft. Da war die Welt high-end und in Ordnung. Letztlich lebte sich jeder in seinem Fahrzeug individuell aus. So, wie die Musik, sahen die coolen oder weniger coolen Kisten aus, und ebenso die coolen und weniger coolen Menschen.

 

Tja, aber was war drauf, auf den Cassetten?

Auf meinen, schlicht gesagt, die Helden meiner Zeit.

David Bowie, Prince, Boston, Leonard Cohen, Glen Frey(Eagles), Keith Emerson + Greg Lake (Emerson, Lake&Palmer), Wolfgang Rohde(Toten Hosen), Rick Parfitt (Status Quo), Chuck Berry, Al Jarreau, George Micheal, Joe Cocker, B.B. King, Gregg Allman (Allman Brothers Band), Jon Lord (Deep Purple), John Lennon, Rory Gallagher...u.v.m.

 

Ja, wer musikalisch bisschen ähnlich gelagert ist, wird schnell merken, dass es dünn wird um die Helden meiner Zeit. Die Liste hier ist sozusagen Nachruf, Auszug aus einer langen Reihe derer, die ich mindestens seit Anfang der 80er mit mir rumschleppe, und die in auffällig hoher Geschwindigkeit in den letzten Jahren hinter dem ewigen Vorhang verschwunden sind. 

 

In meinem VW Bus liegen längst keine Cassetten mehr, statt dessen CD´s, und mit Blick auf die Cover und Namen entwickelt sich der Bulli zunehmend hin zu dem Status eines rollenden Musikmausoleums. Die Helden meiner Zeit sterben mir Stück für Stück weg. Keine Live-Konzerte, youtube-clips oder sonstige Medienpräsenz, keine Exzesse, Skandale, und extrovertierte Interviews.

Es wird still.


Im Gegesatz zu den vielen ausdruckslosen Charaktere der aktuellen Musikszene kannte ich die politische, soziale, humanitäre oder auch lasterhafte Einstellung meiner Helden durchaus. Bei ihnen und ihrer Musik steckte im Wort Unterhaltung auch immer das bedeutungsschwangere, sichtbare Stückchen "Haltung".

Von Kurt Cobain über David Bowie bis Chris Cornell spannt sich der Bogen derer, die bei mir mehr als nur ihre Tonträger im Auto hinterlassen haben. Sie waren nicht nur Idole und Vorbilder, sondern meine Begleiter, meine Motivations- und Trostmeister in vielen Stunden, auf vielen Fahrten und Kilometern. In ihren wohl dunkelsten Zeiten entstanden die besten Songs, von denen so mancher derart auf meine Situationen und Lebensumstände paßte, dass ich überzeugt war, sie wären nur für mich komponiert worden. Die Stimmungen, die Vibes, die mein Werden maßgeblich prägten, waren Songs der 80er, vielleicht 90er. Die Intensität der Zeit spiegelte sich in der Musik wieder, oder umgekehrt. Tränen der Ergriffenheit waren Ehrensache. Und sie sind es bis heute geblieben. Mir reichen immer noch teilweise nur 3 Anfangsakkorde oder Takte bestimmter Songs, und alles ist wieder da. Brilliant, farbenreich, emotionsgeladen, exakt auf Momente getrimmt, die ich mittels bestimmter Songs in Echtzeit zurückhole, einfange, wieder und wieder durchlebe. Alle wichtigen Augenblicke haben ihren Song.

 

Die Helden meiner Zeit leben weiter. Auf langen Fahrten aus den Boxen im T3, oder abends am Feuer mit Gitarre sitzend, in meinen eigenen Interpretationen. Die Helden meiner Zeit sind keine Scharlatane, die mir Traumfänger oder sonstigen spirituellen Klamauk andrehen wollen.

Wie gute Geister, die mir den lebendigen Rock´n Roll schenken, warten sie geduldig, bis ich sie zu passender Zeit ausgrabe. Ausgrabe aus den CD-Hüllen, Handschuh- und Ablagefächern meines Bullis, oder aus den Erinnerungen dessen, wie sowas auf Akkustik-Klampfe klingt. Dann steigen sie auf und füllen die Luft mit einem Hauch von Ewigkeit, den das alles mittlerweile umgibt.

Es sind die Heroes, die Helden meiner Zeit, die Drachentöter meiner dunklen Tage, Hüter eines audiophilen Olymps. Und die Helden meiner Zeit möchte ich nicht an dem messen, was sie erreichten, sondern an dem, was sie ohne dessen müde zu werden, immer wieder versuchten.

 

We can be Heroes
Just for one day...

 

Das macht den Unterschied.


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