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Aus.Zeit.

Es ist gerade mal Mitte November. In der beheizten Wohnung, oder im warmen, vollklimatisierten Auto, das blinkend und piepend über die Istzustände vor der nie vereisten Windschutzscheibe Auskunft gibt, fällt einem der Wechsel der Jahreszeiten gar nicht mal so unmittelbar auf. Aber draußen tut es das schon. Mit jedem Tag verschärfen sich die Bedingungen. Der eigene Aufwand, gut durchzukommen, wird immer aufwendiger. Manchmal, so während der Winterzeit, vor allem, wenn die schon länger beißt, da kostet es mich echt was. Im Winter nur zu Fuß rumzulaufen, in zugigen Zügen, und in vor Kondenz triefenden Linienbussen zu sitzen, oder dick eingepackt am Mountain Bike zu fahren, klingt auf eine Art irgendwie abenteuerlich oder spannend, ist es aber nicht. Ich brauche den Winter überhaupt nicht. Und das nicht enden wollende Abstreuen jeder Strasse, diese elende Pökelei, sie versalzt mir sprichwörtlich die verklärt romantische Winterpracht obendrein.

 

Der Winter ist ein harter Geselle, und er wartet jedes Jahr auf mich. Ohne Licht und Farbe, gesalzen, trübe, nass, und demnach matschig, entfernt er sich immer mehr von dem, was ich als angenehm bezeichnen möchte. Je länger er anhält, um so mehr vereisen meine Sinne. Träge, gehemmt und erstarrt komme ich mir vor. Die Dunkelheit, die morgens noch da ist, wenn ich früh aufstehe, und mich am Heimweg nachmittags schon wieder einholt, hängt an mir, wie der mit Schmuddelsalz vermischte Strassendreck an meinen alten Winterschuhen.

Alles Winterwonderland, Glöckchengebimmel und Dauerbeschallung mit "last christmas" ist kaum stimmungserhellend. Und ebenfalls die viel zu grell beleuchteten Strassen, die dann aussehen wie mit adventlichem Licht befeuerte Landebahnen für den, der landen mag, bringen mich nicht weiter. Der Winter umgibt mich zusehends. Er ist lang und schwarz wie so mancher Auspuff es nie sein wird.

In klaren, kalten Nächten, wenn 1000 Sterne so schön wie Chromradkappen vom Himmel funkeln, träume ich es mir daher auch schonmal einfacher. Nicht, dass ich nicht gerne draußen wäre! Und nicht, dass ich nicht wüßte, warum ich den Aufwand betreibe! Aber die tägliche Intensität und Dosis, die machen es aus, und das ausgerechnet im Winter. Mal nicht ganz so früh raus müssen, keine zig Jacken, Mützen, Schals und dicke Handschuhe rauskramen, nicht wieder und wieder mit zugefrorener Nase los stapfen. Vielleicht ab und an. Ein Tag hier und da würde ja reichen. Nur mal so als kleines Winter-Bonbon. Nirgends immer nur  mal mitfahren, das hätte was. Die Standheizung draußen im Auto würde bollern, die Scheiben wären frei.

Wie viel Selbstverständlichkeit doch in sowas liegen muß für den, der sowas immer hat, wird mir da schlagartig klar.

 


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Und ich träume weiter. Optimaler Weise von einem Winterbus. Von einem, der schön ist, nicht perfekt, aber mit solider Technik. Mit Allrad ausgestattet, oder auch nicht, mit vielen Heizungen, oder auch nicht, aber mit jeder Menge feinem Sound. Vielleicht mit Musik von Snow Patrol. Das würde passen. Dann sehe ich mich über die Berge fahren, und durch den Winter pflügen, mit all´ seinem unnützen Schnee, der verlausten Kälte und dem ekeligen Salz. Kreis um Kreis, Spur um Spur, vielleicht auch einfach mal so. Aber Jahr für Jahr schließe ich zum Wintereinbruch die saisonale Bulli-Türe, und begebe mich für Monate in die automobile Askese.

Im Luxus, überhaupt eine solche Situation herstellen zu dürfen, liegen Fluch und Segen. Und der immer wiederkehrende Kreis vom Anfangen und Enden hat da in Banalität eines alten Automobils auch seinen Sinn, wenn man ihn dann finden und erkennen mag. Nichts geht einfach immer so weiter. Manches hört auf und beginnt erneut. Vielleicht anders, oder auch gar nicht. Mal von einem selbst  bestimmt, oder völlig ohne eigene Zustimmung. Aber alles in allem ist es sicherlich gut und hilfreich, am alltäglich Liebgewonnen ab und an das teils schwer fallende Loslassen zu trainieren, wenn auch nur in Form einer solchen Auszeit.



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