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Gedanken zum Camping

Gestern war ein aufschlußreicher Tag. Da saß ich in einer illustren Runde von Menschen, die alle gerne die Welt bereisen, viel darüber wissen, und das auch wild gestikulierend untermalen. Sie kamen vom sogenannten Hölzchen aufs Stöckchen. Von Aida bis Wellness-Tempel, von Ballermann bis Zugspitze, und vom Phänomen, es sich "gut gehen zu lassen" und sich "was zu gönnen".

Gut gehen? Sich was gönnen? Nach Hetze, Hektik und Stress klingt alles, was ich höre, und kostet ein kleines Vermögen. So, als brauche man nur ein Reise-Rezept ausstellen, in dem Fall für Privatpatienten, und der Urlaub müsse gelingen. Eigene Planung, Fehlanzeige. Und wehe, es läuft was nicht. Dann hat immer Irgendwer Schuld. Nur die Experten selbst nicht. Mir scheint, sie tun ja auch nix. Nur buchen, blechen, (er-)warten.

An dieser jener Stelle werde ich dann komisch. Mein innerer Clerasil-Blocker läuft zur Hochform auf; ich kriege Pickel, und zwar überall. Letzte Gedanken-Oase ist der Gedanke daran,  wie meine Art zu reisen so ist. Pures, feines Unterwegssein im Campingbus.   Blöderweise gab es auch dazu wieder 1000 Meinungen, wie nun Camping auszusehen habe.       Eine weit verbreitete davon war:

"Im VW Bus, das ist eher primitives Herumzigeunern". Wahres Camping wäre zum Beispiel, schön gepflegt im Großraum-Wohnmobil die Mosel rauf und runter zu fahren, und abends in irgendeinem WoMo-Hafen einzulaufen, oder auf einem der Campingplätze die Anker zu werfen, anschließend zum Weinfest ins nächste Winzerörtchen. Etwas irritiert über die Sachlage, habe ich dann mal das Internet nach Camping befragt. Denn dort steht ja immer die...hüstel, hüstel...wahre Definition des Suchbegriffs.

 


 

Ich zitiere in grau:

 

"Camping, auch Kampieren, bezeichnet eine Form des Tourismus."

Mist, als Tourist verstehe ich mich überhaupt nicht.

Das sind doch genau jene Pauschalreisenden, die hier um mich sitzen.

Toll.

 

"Die Urlauber übernachten in diesem Fall in Zelten, Hängematten, Wohnwagen oder Wohnmobilen."

Na, was denn jetzt? So alle in einen Topf?

Nö. Da möchte ich sicher nicht dazu zählen. Ich habe einen Camping Bus.

Das Wort Camping taucht hier auch schon gar nicht mehr auf.

Finde den Fehler...

 

"Wird in Zelten gecampt, so spricht man auch von Zelten."

In Zelten campen heißt Zelten.

Darauf muß man erstmal kommen.

Hut ab.

Aber Leute, jetzt wird´s kompliziert.

Mein Campingbus hat ein Aufstelldach mit Zeltstoff.

 

"Camping wurde Anfang des 20. Jahrhunderts populär

und ist mittlerweile eine weitverbreitete Urlaubs- und Reiseform".

Zelten, wie wir gerade erfahren haben, gehört ja auch zum Camping.

Unterwegs in Zelten wohnen, das gab es, soweit ich weiß, seit eh und je für Reisende.

OK, die haben das Wort Urlaub noch nicht gekannt - soweit-so gut.

 

"Inzwischen finden sich weltweit Möglichkeiten, auf Campingplätzen,

oft in landschaftlich reizvollen Lagen,

(z. B. auch in Natur- und Nationalparks) zu übernachten."

Naja, der Blick von den Plätzen runter fällt gewiss mancherorts

in diese landschaftlich reizvollen Gefilde.

Über die Schulter nach hinten auf den Platz geschaut,

sieht das nicht gerade selten wenig reizvoll aus.

 

 

In die reizvolle Landschaft konnte ich leider nicht schauen. Alles weiß.

Fühlte sich an wie Camping in Gletscherspalten.

 

Das Internet meint definierend weiterführend:

Der Begriff Camping umfasst eine sehr breite Spanne von Aktivitäten. Ihnen allen ist gemeinsam, nicht in Gebäuden zu übernachten, sondern die Zeit in der freien Natur oder auf  möglichst naturnahen, für das Campen vorgesehenen Einrichtungen zu verbringen. Dazu gehören einfaches Zelten in der freien Natur, bei dem der Camper nur einfache Hilfsgegenstände wie ein Zelt, einen Schlafsack, Kochgeschirr usw. nutzt, bis hin zum Aufenthalt mit hochkomfortablen Wohnwagen oder Wohnmobilen auf nicht weniger komfortablen Campingplätzen.


Eines meiner letzten Erlebnisse spiegelt tatsächlich nur den letzten Teil der Definition wieder. Unter der Markise sitzend, den frisch gebrühten Kaffee trinkend, lese ich im Wanderführer der Region. Ganz analog, ohne App und Laptop.

Die Kapitäne um mich herum haben schon abgedunkelt, oder sind gar nicht an Bord. Was nun, kann ich gar nicht genau sagen, denn man sieht sie nie.

Den Weg herauf kommt dann Wohnwagengespann Nr. 1. Dem aktuellen Trend entsprechend, ein tief in den Achsen hängender SUV, der mit heulender Motorkühlung seinem Image kaum gerecht wird, hat er doch mit dem Doppelachser dahinter mächtig zu kämpfen. Der Gespannfahrt erprobte Herr, der wie einer meiner früheren Pauker ausschaut, steigt aus und schaut sich im Revier um. Die beige-braune Outdoorweste mit den vielen aufgesetzten Taschen ist sicher neu, wirkt jedenfalls steif und ungetragen.

Und es scheint jetzt schwierig zu werden. Der zugeteilte Stellplatz gefällt ihm nicht. Nicht groß genug, und mit seinen unzumutbaren 0,5% Neigung problematisch. Egal. Ich beginne derweil, mit mir selbst zu wetten.

Steckt er nun zuerst den Claim ab (Flatterband), oder bittet er die umliegenden Dickschiffbesatzungen, seinen Tabbert Comtesse ins Eck zu schieben? Geloost (geluhst), leider beides falsch. Der Herr kuppelt ab, fummelt suchend in den 1000 Taschen seiner Weste, und ruft dann hellstimmig barsch seiner Gattin zu: "Hilde, die Fernbedienung!!" Das Zauberwort heißt Mover. Alle haben ihn gehört. Niemand spricht ihn an. Er hat einen Mover (Muhver).

Gut, man kann sich jetzt fragen, ob die mit Rolladen versehenen Fenster an weißen Wohnfrachtern in Kombination mit Movern an Wohnwagen das Ende einer bis dato freundlich-lässigen Camper-Kommunikation eingeläutet haben. Die Gegenfrage, ob man das teils fragwürdige Gequatsche überhaupt mag, sei allerdings auch erlaubt. Ich entscheide mich jedenfalls, nicht direkt grüßend und Unterstützung anbietend dem Herrn Studienrat ins Movern (Muhvern) zu fallen, und warte ab.

Camping, das ist Gelassenheit. Anderen gegenüber, und sich selbst. Einfach mal alles Überflüssige lassen. Luxus, Prunk, und vielleicht auch das ständige Reinschreiten in Situationen anderer. Ich kriege mein Sonnensegel alleine aufgestellt, trinke Wein oder Kaffee gerne schweigend. Zu zweit, oder mal alleine. Das geht. Wichtig ist der Abstand. Für sich sein, und gleichzeitig babbelnd dicht an dicht stehen, das beißt sich.

Camping, das ist Freiheit. Nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich gesehen. Und Camping ist nie zufällig oder unbewußt, jedenfalls nicht nach meinem Gusto. Camping im herkömmlichen Sinne ist die Ablehnung des Lauten und Vorhersehbaren. Streng genommen wird Camping einer Grundeinstellung entsprechen, mit der wir längst auch im Alltag durchs Leben gehen. Und da mag der eigentliche Unterschied zum Pauschalurlauber am deutlichsten werden. Denn im Gegensatz dazu leben wir Bulli-Camper nicht ein Jahr lang auf den Urlaub hin, sondern reisen auf eine Art, in der sich unsere generelle Lebensweise eins zu eins wiederspiegelt. Das sollte ich der illustren Runde vielleicht einfach mal erzählen.


Camping ist Ursprung. Camping ist Draußen. Camping ist echt. Camping ist heilsam. Camping ist schön einfach. Camping ist einfach schön.


DT-Classics

-Februar 2018-


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Kommentare: 10
  • #1

    Butze (Dienstag, 20 Februar 2018 13:47)

    Moin lieber Dirk,

    da spricht er wieder ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen Dinge aus, welche doch niemand wahrhaben möchte.. ;)

    Ich mag die Sichtweise auf die Dinge.

    Beste Grüße aus Hannover,

    Thomas

  • #2

    Dirk von DT-Classics (Dienstag, 20 Februar 2018 18:39)

    Ja, mein Lieber, da hast du wohl wahr.
    Es ist nichts als eine von vielen möglichen Sichtweisen.... ;-)

  • #3

    Theo (Mittwoch, 18 April 2018 10:57)

    Klasse Bild oder eher die Bildunterschrift, also das mit den Gletscherspalten.

    Theo

    (http://www.womo-blog.de)

  • #4

    Dirk von DT-Classics (Mittwoch, 18 April 2018 11:42)

    Hallo Theo, danke für deinen Besuch samt Kommentar. Jupp, da kommt man sich schon irgendwie verloren vor, obwohl die Besitzer sehr nett waren.
    LG,
    Dirk

  • #5

    Theo (Mittwoch, 18 April 2018 15:56)

    Verloren, ja, kenne ich das Gefühl. Ich habe drei T-Modelle besessen und ärgere mir einen Ast ab, die alle verkauft zu haben, vor über 20 Jahren war das. Dumm gelaufen aus heutiger Sicht. Aber da ändert man genau nix dran.

  • #6

    Dirk von DT-Classics (Mittwoch, 18 April 2018 16:47)

    W124 ? Da besteht ja noch Hoffnung.
    Für kleines Geld in gut auch kaum noch zu finden,
    aber generel möglich.

  • #7

    Theo (Donnerstag, 19 April 2018 14:58)

    Ne, nix W124 (falls mit W124 Mercedes gemeint ist), sondern T-VW-Bus-Camping-Modelle, ein T2 und zwei T3 (luftgekühlt).

  • #8

    Dirk von DT-Classics (Donnerstag, 19 April 2018 15:51)

    Ach so... ;-)
    Die Benz Kombis sind ja die T-Modelle, da hatte ich jetzt zu weit im Kreis gedacht.
    Bei Bussen ist es tatsächlich aktuell der Horror.
    Wer da was sucht, kriegt entweder ne große Baustelle,
    oder viel Luft in der Geldbörse. Oder manchmal beides.

  • #9

    Rüdiger (Montag, 29 Oktober 2018 17:19)

    Hallo Dirk!
    Bin zwar kein Bulli-Camper, habe zur Zeit einen alten Esterel-(Kult?-) Klappi, Bj. 81,
    aber Deine Ansichten gefallen mir (Bj. 56) sehr gut - Deine Worte sprechen mir aus der Seele.
    Campen und Campen lassen - jeder nach seiner Fasson ...
    Gut, daß man niemandem hinter die Stirn schauen kann,
    denn wer weiß, was derjenige über den ich gerade (nach-) denke, über mich denkt?
    In diesem Sinne:
    Bleibe weiterhin so, wie ich mal werden wollte!

  • #10

    Dirk von DT-Classics (Montag, 29 Oktober 2018 18:28)

    Hallo Rüdiger,
    herzlichen Dank für deinen Besuch, die Aufmerksamkeit
    und das Dalassen deiner Zeilen.
    Esterel, die mag ich, ja, das ist Kult, absolut!

    Ich mag´s einfach, immer mal im Kreise schauend über das zu resumieren,
    was einen so gerade umgibt. Alleine sowas kann hifreich sein,
    die eigenen Dinge ins rechte Licht zu stellen und alles andere,
    wie du schreibst, tatsächlich zu belassen.
    Viel Freude bei deinen Klappi-Touren!
    Roll on, stay happy,
    Dirk