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Unterwegs mit 16V

Nein, ich tue das nicht. Ich weigere mich, einem Fahrzeug, das mich gut durch den Winter bringt, abfällige  weibliche Titel zu geben.

Zwischen November und März habe ich sie wieder gesehen, diese Heckklappen möglichst marroder Kisten, damit der Luxus eines Winterautos nicht zu sehr beschämt. Auf denen stehen dann Begriffe wie "Winterschlampe" oder "Salzhure". Wem bitteschön fällt denn sowas ein? Mir tut das immer leid, und ich fremdschäme mich fast dafür. Vorab für die Kerle, denen dank ausgeprägter Wortwitz-Kultur wohl keine noch abfälligeren Bezeichnungen eingefallen sind. Aber es tut mir auch für die Damen leid. Ich fände sowas ziemlich unerträglich. (Oder wie findet ihr das...?) Leid tun mir allerdings auch die mißbetitelten Vehikel, die schlußendlich unter widrigsten Umständen ihr Blech hinhalten müssen.

Zumindest der Rahmen vom Nissan ist glücklicherweise schon verzinkt. Das beruhigt dann doch ein wenig. Am runden Heck unseres pummeligen Micras finden sich nur paar coole Sprüche, Heavy-Metal-Aufkleber, und die Serienschriftzüge. Der "kleine Japaner" ist übrigens made in england, und nicht alles von dort hat unbedingt das Image von Qualität und Robustheit.  Doch schrieb schon die "AUTO BILD" : Nissans Micra ist der Beste! Auto des Jahres 1993. Für mich ist der 2001er 16V darüber hinaus auch Auto des Winters. Sondermodell "fresh". Das paßt doch ganz gut.

 

Beim Einsteigen heute morgen offenbaren sich auf Anhieb allerdings auch genau die beiden Mega-Makel, die dieses Modell generell gerne hat. Das Hakeln fast aller Schlösser ist nervig, aber ich habe mich dran gewöhnt. Schlecht zu tolerieren sind allerdings die permanent defekten H4-Birnen der Scheinwerfer, und die verkokelten Stecker hinten drauf. Schon viele Male getauscht, mittlerweile wahrscheinlich ein ganzer Schuhkarton voll. Ich muß schmunzeln. Das haben sie im Land des ewigen Lächelns einfach nicht hinbekommen. Das Ersparte in Sachen Verbrauch verbrennt sich somit Stück für Stück in Leuchtmitteln.


 

Er ist ein Schneeritter. Gerackert hat er, und der Winter war übel kalt und lang. Heute, wo der Winter auf Abschiedstournee ist, habe ich mir den Luxus gegönnt, mal ohne öffentliche Verkehrsmittel zur Arbeit unterwegs zu sein. Stattdessen bitte ich den tapferen Nipponhelden, mich auf den Rothaarkamm zu begleiten. Bug voraus, über die wellenartige Eisenstrasse, zeigt sich viel Tristesse, viel Grau, viel Nässe. Streng genommen sieht es hier ganz und gar nichts einladend aus. Aber es riecht schon schön!

Es riecht nach Frühjahr, nach auftauendem Moderboden, nach Rinde. Der kleine Stop vorm geschlagenen Holz beschehrt mir sofort ein paar tiefe Atemzüge, die schon verführerisch harzig duften. Zu dieser Jahreszeit, und dann per Auto hier, ist was ziemlich seltenes. Und wirklich schön ist es auch. Still genießend, langsam vor mich hin fahrend, und hinter mir ist niemand. Niemand, der vergeblich die miesen Bezeichnungen eines typischen kleinen Winterwägelchens sucht. Niemand, dem vielleicht positiv auffällt, dass kein Salzkleid von Monaten das "fresh-green" verkrustet. Und auch niemand, der auf die kleine Heckklappe schaut, von der die E.M.P.-Rockerhand freundlich grüßt. 

Unterwegs mit 16V. Das klingt angemessen adelig für einen tapferen Winterhelden.


DT-Classics

-März 2018-


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