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In einem Zug

2019 © DT-Classics
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  Es ist mal wieder einer von diesen Tagen, an denen die Bequemlichkeit nicht die Oberhand gewinnt. Ich sitze im Zug. Scheint bequem, ist es aber nicht. Es ist einer von diesen Zügen, die von irgendeiner Subfirma betrieben werden. Gibt es überhaupt noch DIE Bahn?

Sie kommen oft zu spät. Oder sie kommen gar nicht. Obwohl die Strecke eingleisig ist, und sich nur 2 Züge an 2 läppischen Bahnsteigen begegnen, klappts mit der Pünktlichkeit hinten und vorne nicht. Ganz schön heruntergekommen, die gute alte, viel gepriesene Zuverlässigkeit der Bahn.

 Der hier ist jedenfalls recht pünktlich. Sobald ich einsteige, ist das erste, was ich wahrnehme, dieser brennende, fahle Geruch nach unfrischer Pisse. Das kriegen sie genauso schlecht hin, wie nach Fahrplan von A nach B zu fahren. Einfach Pech. Wer olfaktorische Sensibilitäten in die Gene gestanzt bekommen hat, bekommt hier direkt die volle Packung. Die Drehtür der Toilettenkabine schließt schlecht, nein, sie schließt gar nicht, und wird gleich in jeder Linkskurve auf-, und in der nächsten Rechtskurve zuknallen.

 Aber wirklich Platzmangel herrscht auf der Linie nie. Ich suche mir also einen Platz am anderen Ende des Aromas. Während ich flach atmend durch den Wagen mit Klo hindurch in den Wagen ohne Klo eile, passiere ich den selbsterklärenden Fahrkartenautomat, an dem eine ältere Dame die selbsterklärenden Erklärungen als wenig hilfreich erachtet. "Ne, hab´s gleich..", sagt sie mutig lächeln als Reaktion auf meinen fragenden Blick.

 Ich schaue hoch zu der hell leuchtenden Anzeige, auf der die Bahnstationen angekündigt werden. Cool, immer der letzte Bahnhof, den wir passiert haben, ist der nächste, der angezeigt wird. Das System läuft irgendwie rückwärts. Wenn das mal kein Zeichen ist. Ich schaue aber trotzdem lieber vorsichtig raus, man weiß ja nie. Aber die Richtung stimmt.

Ein echter Glückstag heute.

 

 

Und dann höre ich sie, jene nasale Stimme:

 

"Nächster Halt: Hillnhütten. Dies ist eine Bedarfshaltestelle. Bitte drücken sie die Haltewunschtaste"...

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Während ich die Hände hinter den Kopf lege und  "Hier steigt eh nie jemand aus" denke, fällt mein Blick nach oben ins Gepäckfach. Nicht wirklich, oder? Doch! Ich habe mit absolut schlafwandlerischer Treffsicherheit genau den Platz im Zug gefunden, der mit einem mittlerweile halbtrockenen Kondom im Gepäckfach ausgestattet wurde. Ich wage einen zweiten, etwas genaueren Blick. Nicht benutzt! Die pubertierenden Schüler werden 100 pro ihren Spass gehabt haben.

 

Per Handykamera als Spiegel linse ich im Selfie-Modus dennoch mal durch die Kopfstützen nach hinten. Die sich halb kringelig lachenden Jungs, die ich dort befürchte, die gibt es nicht. Der Zug ist leer.

 

 

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  Gegenüber sitzt ein altes Paar. Sie sind beide mindestens Mitte 70, vielleicht auch schon über 80 Jahre alt. Meinen Blick nach oben haben sie gesehen. Sie vertieft in ihrer Höflichkeit die Szene mit keiner Geste. Er zieht schweigend die Augenbrauen samt Schultern hoch, dreht die Hand nach außen, was wohl meint: "Da kann man nichts machen"..  Ich schaue genauer hin. Also, zu den Beiden, meine ich. Sehr gepflegt sehen sie aus, gerade eben auch die Schuhe. Die Herrschaften sind sich noch was wert. Ihre Kleidung ist angemessen, allerdings nicht so, wie man meinen könnte. Nicht "alt". Es ist diese geschickte Mischung aus vornehm und praktisch, die auch durchaus ein agiler Mittsechziger tragen könnte.

 Sie schauen zum Fenster raus, kennen die Strecke. Und die Gegend kennen sie offensichtlich auch sehr gut. Alles, was draußen vorbeizieht, löst Erinnerungen aus. Sie fragt meistens, "Weißt du noch...", oder, "Hier haben wir mal..". Er weist dann süffisant, aber durchaus charmant darauf hin, wie lange das schon her sei. Meistens liegt es Jahrezehnte zurück, und meistens hängt auch eine schöne Begebenheit dran. Aber da schwingt keine Traurigkeit mit oder ein Hadern mit dem erreichten Alter. Glücklich wirken sie, möchte ich sagen. Da ist nämlich etwas, dass die Beiden auf mich dankbar wirken läßt. Und dann fassen sie sich an den Händen, schweigen bis zum nächsten Schwenk in die Vergangenheit, oder beißen in ein selbstgeschmiertes Butterbrot.

 

  Mein Zielbahnhof ist erreicht. Es regnet wie aus Eimern. Das dem Verfall preisgegebene, einst stolze Gebäude, wirkt jetzt, wo rundrum neue Bahnsteige und Wartehäuschen gebaut wurden, noch verfallener, als es mittlerweile sowieso schon ist. Aber durch die regennassen Scheiben blickend, lösen sich alle Zustände auf. Bauliche Zustände und deren Beurteilungen verwaschen, treffen sich einheitlich in der Mitte. Ob neu, oder alt, erstrahlt oder verfallen, der Regen verwässert die Silhouetten zu einer beruhigenden Unschärfe. Bei dem Gedanken, wie ich wohl von außen durch dieselbe Scheibe betrachtet aussehen mag, komme ich ins Schmunzeln...

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   Der Zug ist weg, außer mir ist niemand ausgestiegen. Auch das alte Paar nicht. Ich werde sie so schnell nicht vergessen.  Ein letztes Mal höre ich die Lok in der Ferne pfeifen, dann ist es still. Und für einen kurzen Moment verstummt auch das kratzige Regengeprasseln auf der Kaputze meiner Jacke, während ich durch die sterile Unterführung schreite.

 Kein Graffitti, kein Müll, kein Geruch nach Pisse und auch kein Kondom hat bislang dieses Stück Neubau erobert. Fast schon ist es anstrengend, durch den unlebendig wirkenden Schlund zu schreiten. Es war viel drin im Tag. Und alles in einem Zug.


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