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Saisonauftakt 2019: Fahrt ins Wippetal

 

  Kaum macht man´s richtig, schon funktioniert´s!

Die wenigen routinemäßigen Handgriffe haben wieder mal gereicht, um den Wasserboxer nach knapp 4 Monaten Standzeit in die Saison 2019 zu verhelfen. Auf diesen Augenblick beginne ich zu warten, sobald ich im Herbst die überaus zähe Standzeit einläute.

 Mit dem Warten und der Vorfreude ist es so eine Sache. Je länger das Warten, je größer die Vorfreude. Die diesjährige Winterstandzeit hat allerdings wirklich gute Gelegenheiten geboten, mich bisschen vom Winterblues und dem Entzug des Fahrens abzulenken. Denn einige Maßnahmen am Campingbus galt es durchzuführen, die schon länger auf der Agenda standen.

 

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 Doch jetzt ist Frühjahr, das Wetter paßt, es ist Samstag, keine Verpflichtungen oder Termine liegen heute an. Der Fotorucksack ist an Bord, und alles für die Kaffeepause habe ich auch dabei. Ich freue mich riesig, in aller Gelassenheit rolle ich stadtauswärts. Gelassenheit steckt auch in der Fotografie, und das erst recht heute. Meine digitalen High-Tech-Objektive habe ich daheim gelassen, und stattdessen nur "Altglas" dabei. Alle Fotos enstehen auf der ersten kleinen Tour mit dem Pentacon 135mm und dem Pentacon 29mm. Beide Linsen entstammen der späten 70er, bzw. frühen 80er Jahre, sind also vollständig manuell zu bedienen und verpassen den Fotos diesen ganz eigenen Retro-Charme. Das ist an so einem Tag wie heute, an dem ein 54jähriger in einem 36 Jahre alten Bulli unterwegs ist, ziemlich stilecht und angemessen.

 

 

  Es ist morgens um 6, und die Welt ist in Ordnung. Für die erste Fahrt in 2019 habe ich mir ein verwunschenes Fleckchen Erde ausgesucht, wo ich schon ziemlich lange nicht mehr war. Tief im Hinterland, irgendwo im Grenz-gebiet von NRW und Rheinland-Pfalz, wo viele kleine Bächlein durch enge Tälchen fließen, denen schmale, gewundene Sträßchen folgen, da soll´s hingehen.


 Für große Autos ist das hier alles fast schon zu schmal. Glück für mich, genau darum geht es ja dabei. Cruisen, Zeit haben, anhalten, schauen, fotographieren, Kaffee trinkend in der Morgensonne sitzen, und sich 12 Löcher in die frisch polierten Alufelgen freuen. Vielleicht sollte einfach jeder Mensch mal einen Oldtimer fahren. Ich bin mir sicher, wohl kaum eine andere Gruppe von Verkehrsteilnehmern fährt noch seltener und defensiver. Man möchte eben erhalten, statt riskieren, und geniessen statt genügen. Von daher verbummel´ ich mich hier des Öfteren, unter anderem eben auch, weil ich diesen Landstrich höchst reizvoll finde.

2019 © DT-Classics
2019 © DT-Classics

 

 

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"Sobald die Sinne erwachen, wird die Sensation entbehrlich"


 Für Menschen, die in Ballungszentren und Großstädten wohnen, sind wahrscheinlich schon alle jene Straßen Kleinode, auf denen ich hier heute unterwegs bin. Einmal aus dem Kerngebiet Siegens heraus, ist rundum unverkennbar alles gemütlich. Unterwegs auf kurvigen Landstraßen, und dann noch ein Stückchen weiter. Die Erholung bahnt sich förmlich ihren Weg von draußen durch die Augen direkt in mich hinein, bügelt mir die Nerven glatt. Und wer das gewisse Nichts sucht, der findet es hier prompt.

 Und sobald die Sinne erwachen, wird die Sensation entbehrlich. Aus normal wird schmal, und der sogenannte Überlandverkehr ist hier nun gar nicht mehr zu finden. Genussvoller Aufenthalt im Tal! Und für alle sentimentalen Landschaftsschwärmer hänge ich noch ein "wild-romantisch" hinten dran...

2019 © DT-Classics
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 Von Zeit zu Zeit ziehe ich mich zurück. Das können Tage sein, oder vielleicht ein Wochenende, aber es geht auch kürzer. Es tut gut, ein paar Stunden Abgeschiedenheit zu suchen, konzentriert seine Gedanken zu sammeln, und vielleicht noch in aller Vertrautheit ein gutes Selbstgespräch zu führen. Ich finde es erstaunlich, wie erkenntnis-reich ruhige Wachheit sein kann. Es beruhigt, zu wissen, dass alleine sein zu können zu etwas Gutem führt.

2019 © DT-Classics
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 So´n bisschen scheint hier die Zeit still zu stehen. Diese Metapher nutze ich bewußt sparsam, allzu leicht dreschen sich so Sätze ab. Aber es paßt wunderbar! Schnelles Tempo ist hier völlig ineffizient, oder besser gesagt, völlig unsinnig. Das Tal verströmt die vollkommene Ruhe. Funktionalität, getriebene Planbarkeit und sonstiger Alltagsrummel, haben hier anscheinend keine Notwendigkeit. Es scheint tatsächlich bislang nicht gelungen zu sein, Hektik und Stress anzusiedeln. Das Gefühl, im Wettlauf einer auf Profit ausgerichteten Welt nicht mehr richtig hinterherzukommen, das kommt hier erst gar nicht auf. Einfach ist es, stimmig und ausgewogen, und es stellt sich augenblicklich ein, sowas wie Balance zu empfinden.

2019 © DT-Classics
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  Manchmal denke ich, dass wir den Stress, der uns nicht selten ereilt, total fehlinterpretieren. Es ist gar nicht ein Synonym für ein permanentes "Zuviel von Allem", sondern möglicheweise nichts anderes als das wieder und wieder in Kauf genommene Un-vermögen, eine gute Balance zwischen den jeweiligen Lebens-bereichen herzustellen.

2019 © DT-Classics
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 Sich Zeit lassen, das ist es. Die menschgemachte Augenblicksgier, die ich oft und tagtäglich um mich herum erlebe, sie führt hier zu nichts. Denn das Bestreben, der Angst entgegenzuwirken, etwas zu verpassen, kehrt sich an Orten wie diesem ganz einfach um. Wer hier nichts verpassen möchte, braucht das Gegenteil von Beschleu-nigung. Besser ist, einfach still zu stehen, zu atmen, zu schweigen, zu sehen, und aufmerksam das zu erwarten, was sich zeigt.


 

Was sich sonst alles in 2019 an Touren, Reisen, Wanderungen und anderen erzählenswerten Dingen ereignet, findet sich unter "Treibstoff 2019"       >>>



2019 © DT-Classics



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