- Ein Leben rund um den VW Bus T3 -

 

in Fotografie & Geschichten


Im VW T3 WESTFALIA Club Joker zum POLYROOF-Treffen nach Dransfeld

17.-19. August 2018

 

 

 Nach langem Hin- und Her, ob denn nun das Bustreffen in Lenk/CH eine Reise wert sei, oder lieber Dransfeld, oder besser gar nicht wegfahren, ist die Wahl dann doch auf Dransfeld gefallen. Gründe dafür gibt´s einige. In dieser gar nicht so weit entfernt liegenden Gegend war ich noch nie, der Campingplatz solll ganz passabel sein, und außerdem ist in Dransfeld die Firma POLYROOF. Die zu besichtigen soll im Rahmen des Treffens möglich sein. Und last, but not least, sind dort höchst angenehme Personen vor Ort, die ich schon selten genug zu sehen bekomme.

 

 Cool ist: Ich habe Freitag Urlaub. Und so starte ich schon am Donnerstag, direkt nach Feierabend. Das Navigationsgerät bleibt daheim, die sonor näselnde Mrs. Navigon darf die Stimmbänder schonen. Stattdessen nehme ich die alten Papierkarten zur Hand und wähle alle jene Sträßchen, die in schmalweiß soeben noch als Sträßchen zu verfolgen sind. Erste Wahl sind die, die außer schmalweiß auch noch einen grünen Zusatzstreifen bekommen haben. Landschaftlich reizvolle Streckenführung verspricht diese Markierung. Also los, lasssen wir uns mal reizen.

 

 Der Bulli ist übersichtlich gepackt, ich reise diesmal mit leichtem Gepäck. Vorzelt, Sonnensegel und weitere Last ist daheim geblieben, dafür habe ich die Gitarre mit. Mit diesem akkustischen Eierschneider an Bord fühlt sich eine kleine Reise direkt ganz anders an. Musizieren, handgemacht, ist eine Facette, der temporär mehr oder weniger Bedeutung zufällt. Dem entgeben aber ist Musik hören schon anders geworden, nämlich weniger. Das Autoradio ist meistens aus. Stattdessen hänge ich meinen Gedanken nach, die ich nicht schneller zu denken vermag, als ich reise. Der Motor schnurrt, das Fenster ist offen, mein Arm hängt draußen, Wärme und Gerüche kommen herein. In Summe unterliegt alles einem nivellierenden Effekt, dem sich nichts zu entziehen vermag, und den ich durchaus mit meinem angenehmen Gefährt in Verbindung bringe. Gefährt und Gefährte, das liegt offensichtlich ganz schön eng zusammen.

 

 Durchs Eder-Bergland cruise ich gen nord-ost. Irgendwo höher oben, bisschen erhaben über der Landschaft, da möchte ich ein Plätzchen für die Nacht suchen. Es ist herrlich, in Täler oder auf Landschaften zu schauen, über denen die Sonne auf- oder untergeht. Meine Karte weist etliche Strassen mit grüner Zusatzlinie auf in einem Gebiet, dessen Mitte ein Berg für sich in Anspruch nimmt. Meißner. Im frühen Abend erreiche ich dann den nahe Hessisch Lichtenau gelegenen "Hohen Meißner", der zum osthessischen Bergland gehört. Angeblich hat hier auf knapp 750m Höhe Frau Holle lange Jahre ihre Betten ausgeschüttelt. Wie dann Berge wie der Brocken im nahen Harz mit über 1000m Höhe auch Schnee abbekommen haben sollen, behält die alte Dame für sich. Schnee fällt ja immer nur nach unten. Komisch. Egal.

Die dementsprechende Starkschneephase bleibt heute jedenfalls zum Glück aus. Das ist auch gut so, denn die Anfahrt hat es in sich. Über Walburg und Velmeden erwartet mich eine Strecke, die auf etwa 4 Kilometern überwiegend an der 12%-Marke kratzt. Der Wasserboxer bollert in die abendliche Stille, anschleichen kann ich mich hier nun nicht mehr.

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 Oben erwartet mich allerdings eine Szenerie, die fast schon unwirklich schön ist. Hier herrscht die totale Ruhe, ich habe den Platz fast für mich alleine. Nur ein Paar mit einem BIMOBIL-Fernreisefahrzeug steht vor Ort direkt neben mir. Die angenehmen Herrschaften sind seit drei Tagen unterwegs, es soll nach Montenegro und Albanien gehen. 8 Monate-Tour. Da kommt auch bei mir Fernweh auf. Das große Glück findet sich allerdings auch in den kleinen Reisen, und wenn ich mich hier umsehe, könnte ein einziger kleiner Moment kaum perfekter sein, als genau dieser hier.

 Die Sonne sinkt, es ist wolkenlos, wahnsinns Fernsicht, die Mondsichel lugt schon hervor. Alles ist gefärbt von einer höchst wohltuenden Melancholie, die Bedeutsames von Unbedeutsamem trennt. Nach wie vor ist es trotz der Höhenlage noch angenehm warm hier oben. Der Bulli und die Luft kühlen langsam ab, das letzte Vogelgezwitscher ist verstummt, und ein zartes Abendrot mogelt sich zwischen den Horizont und den wolkenlosen Himmel. Herrlich langsam kriecht die Nacht hervor, während ich in aller Glückseeligkeit mit einem Glas Wein in der Hand dem schwindenden Tag hinterher schaue.

 

Mehr als nur eine profane Empfehlung:

Zum Glück ziemlich schlecht beworbener, offizieller,

aber kostenloser Premium-Stellplatz am Wanderparklatz

neben dem Berggasthof am Hohen Meißner.

 

 Ich habe "oben" gepennt. Auf diese Art bei einem Camper im Dachzelt zu liegen, ist genau das, was ich total mag. Es ist luftig, Zelt-Feeling pur, ich bin unmittelbar drinnen und draußen zugleich, nur wenig entkoppelt von Geräuschen, dem Windhauch der Nacht, und vor allem dem beginnenden Morgen. Auch den Temperaturen eher ausgesetzt, gerät mein mäßig warmer Schlafsack in den kältesten Stunden vor Sonnenaufgang an seine Grenzen.

Halb 8 in der Frühe, der anspringende Motor haut ganz schön rein in die Morgenstille, ich bin dann mal weg. Dem Tal entgegen, verlasse ich den Hohen Meißner Richtung Eschwege. Allen unter Euch, die mit Blick auf ihr Fahrzeug lange, steile Bergfahrten skeptisch betrachten, empfehle ich, den Hohen Meißner genau so zu queren, wie ich das gemacht habe. Die Strecke runter nach Eschwege ist nämlich nicht nur deutlich länger, als die tags zuvor gewählte Fahrt nach oben, sondern es erwarten einen Gefälleabschnitte von teilweise 14%! Wer da mit alterndem Kühlsystem bergan unterwegs ist, der wird die zittrige Nadel der Temperaturanzeige hastig steigend auf Nimmerwiedersehen rechts in der Anzeige verschwinden sehen.

 Auf viel Anhalten, Umherlaufen und sonstige Besichtigungsmodalitäten habe ich diesmal wenig Lust. Mal einem Road-Trip gleich, eher fahrend schauen, danach ist mir. Es fällt daher nicht schwer, knapp vor den Toren Eschweges, dort, wo die schlimmsten Zeugnisse menschlichen Daseins per Bagger und etlichen freiwilligen Helfern entfernt werden, nur für ein Foto zu halten. Ich passiere die Stelle, an der das Camp vom "Open Flair"-Festival gewesen sein muß.

Der Zusammenhang zwischen dem, was ich sehe, und den Begriffen "Camp" und "Flair" erschließt sich mir nicht. Hier, in Angesicht dieser entsetzlichen Müllhalde, ist nichts als trauriges Fremdschämen angesagt. Und krasser könnten die Eindrücke dieses Morgens nicht auseinanderliegen. Die heilige Stille und Erhabenheit hoch oben am Meißner, und dann dieser zweifelhafte Flair einer offensichtlich völlig gleichgültigen, rücksichts- und verantwortungslosen Genusskultur, sind im Kontrast kaum begreifbar. Es ist sehr bezeichnend, denn die sonnenverbrannte Steppe, die ganz Deutschland aktuell auszeichnet, ist nichts gegen die verbrannte Erde, die hier in Form von Menschenmüll hinterlassen wurde.

 

 Mich den schönen Landschaften zuwendend, hänge ich bestmöglichst die schmalweißen Sträßchen mit dem grünen Streifen zu einer Route aneinander, und rolle auf ihnen gemütlich gen Dransfeld.

 

 Es ist Freitagvormittag, also lange vorm Feierabend der meisten Leute. Die Strassen über Land sind herrlich unbefahren.  Ein schöner grün-weißer T1, der aus einer Seitenstrasse kommend, und für gut 10 Kilometer in meinem Rückspiegel verweilt, biegt dann doch noch irgendwo ins Hinterland ab. Nach Dransfeld unterwegs ist er wohl nicht.

 Mich zieht´s weiter. An Hann. Münden vorbei, wo aus Eder und Werra die Weser wird, ist es dann nur noch ein kleines Stück bis zum Campingplatz.

 Es ist brüllend heiß heute, eine kleine Abkühlung ist aber vorerst nur für den Bulli drin. An einem leeren Waschplatz entferne ich von der Front des Campers die wenigen Mücken, die tatsächlich noch langsamer waren als wir. Adel verpflichtet. Mit Kadaverresten auf der Scheibe bin ich noch nie auf einem Treffen angekommen. Dann boller´ ich in aller Hitze hoch zum Campingplatz. Freunde, mit denen ich verabredet bin, haben zum Glück schon den Sonnenschutz aufgebaut, kühle Getränke dabei, und selbst ein guter, heißer und starker Kaffee steht parat.

 Wie schön es doch ist, bei solchen Treffen genau diesen Menschen zu begegnen, wird mir immer genau dann bewußt, wenn ich auf den Platz rolle. Nur inmitten von Autos zu stehen, und sonst nichts, wäre fatal öde. Jetzt hier im Kreise zu sitzen, den Geschichten und Geschehnissen zu lauschen, sie jetzt hier einfach wiederzusehen, das ist die Prise Salz in der Suppe.


 

 

Jeder weiß, wie VW Busse aussehen. Hier sind ein paar Stück davon.

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 Die Firma POLYROOF, hinter der die Familie Günther steht, gibt es seit 1980. Und ebenso ist POLYROOF die treibende Kraft, was das VW Bus Treffen hier am Hohen Hagen anbelangt. Es ist bemerkenswert, mit wie viel Engagement und Herzblut dieses Treffen organisiert wird. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Die Besucher des Treffens erwartet eine stilvolle Atmosphäre, in der selbst das frisch gezapfte Bier am Abend auf Kosten das Hauses POLYROOF fließt. Und auch der Kaffee samt selbstgebackenem Kuchen, der später während der Firmenbesichtigung gereicht wird, sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Selbstverständlich ist so etwas nicht.

 

 Alles hat für POLYROOF mal angefangen mit dem VW Bus T3. Ein solches Exemplar, immer noch in Besitz der Familie Günther, findet sich am Platz. Ich darf mal reinschauen. 

                                                                                                                                                                                                                                                                                        click = groß

 

 Es ist eine ziemlich fette, reiche Zeit, vor allem mit Blick auf die Umstände bezüglich der eigenen Freiheit und des VW Busses.

 Die interessanten Stunden zwischen den T6-Modellen, und auch die Zeit in der Firma POLYROOF, sie haben mir eins verdeutlicht:

 Die Brücke zwischen einem Gestern, in dem alles im Gestern war, und eben einem Heute, in dem auch alles im Heute ist, die ist begehbar.   Und wenn ich, wie seit vielen Jahren, vor meinem Bus sitze, oder eben in diesem schönen, alten T3 über Land schnurre, dann wabbert in den Adern das Blut so wie immer. Die gute, alte Zeit, sie ist jetzt, und es wird immer das, was man aus ihr macht. Aber draußen vor der Windschutzscheibe, da ist längst das nächste Morgengrauen in Sicht. Vielleicht ist es heilsam, in alten Dingen sitzend in der Gegenwart zu reisen, und während dessen über die Zukunft nachzudenken. Aber bitte nur ein bisschen, denn wir werden sie nie erreichen. Selbst morgen, das ist streng genommen schon Zukunft. Doch sobald wir morgen früh die Augen öffnen, ist dieser neue Tag die Gegenwart, in der alles Leben liegt. Darin bewußt und nachhaltig unterwegs zu sein, möge jeder für sich klarkriegen. Meine Zeitmaschine, um vom Gestern ins Morgen zu fliegen, oder gleich von hier nach Hause, hat den Motor jedenfalls hinten.


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