- Ein Leben rund um den VW Bus T3 -

 

in Fotografie & Geschichten

 


Schweiz: Val Müstair & Morteratsch.                                                                     Unterwegs im VW T3 WESTFALIA Club Joker.

9 Kommentare

 

  Beim Einsteigen in meinen betagten VW Bus verlasse ich jedesmal das 21. Jahrhundert, und gerate wie durch eine Zeitschleuse in eine andere Welt. Es ist die Welt der 80er Jahre, es ist die Welt des gediegenen, aber einfachen Reisens, und es ist in diesen digitalen, hektischen Zeiten, ein ganz eindeutig entschleunigender Teil meiner eigenen wuseligen Welt. Die Tür schließt sich präzise und satt, dann zieht mich augenblicklich der patinöse Charme des Interieurs in seinen Bann. Er schafft es wieder und wieder, dass ich mein eigenes Alter, und das dieses Fahrzeugs, völlig aus dem Bewußtsein streiche. Hier innen ist alles so frisch, wie es immer war, und ich denke, das bleibt auch so. Dann, während ich die großen Armlehnen herunter schwenke, kommt mir in den Sinn, dass wir die Stürme der Zeit wohl ganz passabel überstanden zu haben scheinen. Zumindest für den Club Joker schaut es auch so aus, als hätte er den sanften Hauch eines ewigen Lebens abbekommen.

  Sobald ich dann den alten Metallschlüssel gedreht und den Motor gestartet habe, erfasst mich jener selige Wunsch, nie wieder aussteigen zu müssen. Denn das wäre so, wie aus dem Paradies vertrieben zu werden. Wenn jetzt noch das warme Licht eines Spätsommertages auf diese Szenerie fällt, ist der hektischen Gegenwart aller Zutritt verwehrt. Ich geniesse es zu spüren, wie sich auf der Oberfläche dieses Augenblicks einzig der sanfte Glanz einer höchst lebendigen Vergangenheit spiegelt, untermalt vom einmaligen Klang, der dumpf und vertraut von hinten nach vorne dringt. Es ist wie im Traum, und doch höchst real, denn wir sind endlich wieder auf Tour!

 

 

  Schweiz lautet das Ziel. Präziser beschrieben, geht es zunächst in den östlichsten Zipfel, nämlich ins Val Müstair.

 

  Wir wählen zur Anreise die Vier-Länder-Variante D/A/I/CH, also ab Würzburg die A7 gen Süden bis Füssen, und ab dort via Fernpass ins Oberinntal bis Landeck, dann über den Reschenpass, vorbei am Reschensee ins Vinschgau, und von dort ins Val Müstair.

 

  Vom Reisen zum Rasen ist es meistens nicht weit. Da reichen, bei Verlangen und entsprechendem Fahrzeug, oft nur wenige Zentimeter Pedalweg. Als ein mit sich und der Welt zufriedener Chauffeur eines betagten Bullis gerät man in diese seltsame Notlage kaum. Es heißt ja nicht umsonst Reise-Fieber.

  Genau dieser höchst wohlige Temperaturanstieg hat mich längst wieder gepackt, und ich weiß, ich könnte ihn nirgendwo besser auskurieren, als in den frisch gepolsterten ISRI-Reisesitzen vom WESTFALIA Campingbus. Als Ort für eine passende Zwischenübernachtung kommt uns nach sehr entspannten Stunden Fahrt der kurz hinter der Grenze zu Österreich gelegene Plansee gerade recht.

 

Am Plansee/Österreich.

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Camping hoch gelegen überm Plansee/A.

Der Plansee vom Campingplatz aus.

Fa. Schwaiger in Reutte/A.

 

 


 

 Im Vormittag erreichen wir den Ort Sta. Maria/Val Müstair. Den dort unmittelbar am Einstieg zum Umbrail-Pass gelegenen Campingplatz Pè da Munt haben wir uns als ersten Standort der Reise ausgewählt.

 

 Der Platz liegt für unsere geplanten Wanderungen, Bergtouren und alle sonstigen Aktionen strategisch gut im UNESCO Biosfera-Reservat Val Müstair, Parc Naziunal.

 

 

 

 Pè da Munt ist ein Campingplatz, der vom Flair der Einfachheit lebt. Hier steckt der Charme der ursprünglichen Idee des Draußenseins noch in allem. Das Waschhaus ist schon älter, ist klein, reicht in seiner Ordentlichkeit aber völlig aus. Ein kleiner Laden ist dort, eine Waschmaschine, Trockner, und überschaubar kurz die Präsenz in der Rezeption. Viel mehr gibt´s nicht zu erwähnen.

 Die richtig großen "Dickschiffe" finden sich hier nicht ein, denn sie kommen mit den Zufahrten und Größe der Stellplätze kaum klar, und wohl auch nicht mit dem großen Luxus jener Schlichtheit, die hier lebendig geblieben ist. Aber das ist für uns Kleincamper richtig wohltuend! Alles abgerundet durch die Tatsache, dass jeder einzelne Stellplatz seine eigene Feuerstelle hat! Wo gibt´s denn sowas noch...!?

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Pè da Munt in Sta. Maria. Hier überwiegen eindeutig die kleinen Größen.

 

 

 

Eindrücke aus Sta. Maria/Val Müstair.

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Hier ist die angeblich so ruhelose Zeit dann doch ein wenig langsamer in Bewegung. Herrlich...

 

 Die automobilen Schätze bleiben mir natürlich auch nicht verborgen. Skuril ist das Gefährt der Whisky-Destille im Ort.

 

 

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Bella Italia

ist eindeutig vorhanden inmitten der Ostschweiz.

Ein alter Geselle,

nach wie vor aktiv

im Dienste des Handwerks.

Durchgangsverkehr mit stilechtem Zwischenstop

an der Tankstelle.

Die Ortsdurchfahrt ist wahnsinnig eng, die Häuser spiegeln sich in den Bussen.


 

 

 Allegra! – Freue Dich! So begrüßen sich die Menschen hier im Tal. Das Val Müstair hat rund 1600 Einwohner und die Hauptsprache hier das „Jauer“, eine bündnerromanische Mundart. Das idyllische Val Müstair ist eine Welt für sich. Die Landschaft ist intakt, und dies steht sicherlich auch in unmittelbarem Zusammenhang mit der stark ausgeprägten Naturverbundenheit, die das Val Müstair, seine Bewohner und ihre Kultur auszeichnet. Das Val Müstair ist ein sonnenverwöhnter Streifen. Hier, im südöstlichsten Zipfel Graubündens ist man sich seiner Werte bewusst. Über 80 Prozent der lokalen Landwirte produzieren rein biologisch, das facettenreiche Handwerk des Tales arbeitet traditions- und qualitätsbewusst und die Region bietet eine einmalige Kultur- und Naturlandschaft.

 

 

 Insbesondere jener herrlichen Landschaft sind wir in vielfältiger Weise gefolgt, mal hoch über die Gipfel, durch die langen Hochtäler, oder auch auf kleinen Pfaden und Wegen. Die gesamten Touren en detail zu beschreiben, führt absolut zu weit. Ich möchte daher hier unsere bevorzugten Routen angeben, und jeweils die Fotos und paar wenige wissenswerte Dinge dazu preisgeben. Für alles weitere erlaube ich mir, zu ermuntern, diese Landschaft in ihrer Ursprünglichkeit auf möglichst leisen Sohlen selbst zu entdecken.

 

 Generell ist es so, dass direkt aus Sta. Maria, also vom Campingplatz aus, eine vielzahl wunderschöner Wanderwege gegangen werden können. Um allerdings zu den beeindruckenden Hochtälern, Gipfeln und Panoramatouren weiter oben zu gelangen, sind die Aufstiege und Anstiegsdistanzen tief aus Sta. Maria heraus für mein Empfinden viel zu weit. Wir haben uns daher einige Male entschlossen, mit dem Bus (der hier Post-Auto heißt...) hoch zum Ofenpass zu fahren, und dort zu beginnen.

 


Valbella-Runde:

Diese ist als solche bezeichnet augewiesen, und führt nördlich des Ofenpasses bei ca. 10 Km Weg um den 2773 Meter hohen Munt da la Bescha herum. Wir sind die Tour gegen den Uhrzeigersinn gegangen. Damit ist die "lieblichere" Hälfte die erste, und ab dem Fuorcla Funtauna folgt dann in westlicher Richtung der Gang durch eine wilde, schroffe Welsenwelt, die uns sehr beeindruckt hat.

 

Nach wenigen Augenblicken:  Der Blick zurück zum Ofenpass.

 

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Eintauchen in die steinigen Alpen...

 

 

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Gipfeltour Piz Daint/ Il Jalet:

Vom Ofenpass in südlicher Richtung um den Il Jalet herum, weiter südlich haltend bis unterhalb des direkten Aufstiegs zum  Piz Daint. Der zum Schluß in fast direkter Linie aufsteigende Pfad zum Gipfel des 2968 Meter hohen Piz Daint ist m.E. einzuordnen als anspruchsvoller Bergpfad, und darüber hinaus. Tritt- und Schwindel-sicherheit sind hier mehr als hilfreich. Nach Abstieg haben wir am Rückweg zum Ofenpass den 2389 hohen Il Jalet gleich auch noch "eingesackt".

 

Wege wie im Bilderbuch.

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  Meine Augen haben hier nicht viel weniger zu tun, als meine Beine. Im Bemühen, trotz ständigen Gehens und Achtsamkeit für die Wege, Augenmerk für gute Motive aufrecht zu erhalten, ist die dauerhafte Konzentration nach Stunden spürbar.

 

  Das zieht auch nach sich, als haupsächlich Fotografierender auf einem Großteil der vielen Aufnahmen nie selbst abgelichtet zu sein. Von daher freue ich mich sehr über die schöne Gelegenheit, ab und an auch mal ein Foto beigestellt zu bekommen, das mich zeigt bei dem, wofür ich brenne.

 

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Gipfel der Genüsse, und gleichzeitig höchster Punkt unserer gesamten Schweiz-Reise: Piz Daint.


 

Val Mora:

Erneut starten wir am Ofenpass. Wiederum den Il Jalet umschreitend, gelangt man über die Chasa du Cunfin durch den oberen Einstieg hinunter ins Val Mora. Hinunter trifft´s allerdings nicht ganz, denn das Tal liegt größtenteils auch immerhin noch um 2000 Meter hoch. Für die gesamte Distanz vom Ofenpass bis hinunter nach Sta. Maria empfehle ich, einen kompletten, langen Tag einzuplanen. Die Strecke von deutlich über 20 Kilometern durch dieses atemberaubend schöne Hochtal ist auf etlichen Passagen nur langsam begehbar, obwohl die eigentliche Talsohle eine zügigere Gangart zuläßt. Der lange, teils steile Abstieg hinunter ins Val Müstair beißt sich zum Abschluß dann auch gerne nochmal kräftig in den Oberschenkeln fest. Insgesamt eine zauberhafte Wanderung.

 

Spätsommer, Herbst, Jahreszeit der langen Schatten...

 

Val Mora im Großen und Kleinen.

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Lai da Chazfora +  Muntet:

Per Post-Auto fahren wir talaufwärts nach Tschierv, und ab dort geht es steil aufsteigend zum Bergsee Lai da Chazfora. Dort schreiten wir über den weglosen, teils stark verblockten Grad des Muntet hinweg, und folgen steil hinunter den Pfaden nach Fuldera. Von dort gelangt man dann recht gut talseits zu Fuß zurück nach Sta. Maria. Die Wanderung ist knackig! Der Anstieg zu Beginn geht kurvenlos und gefühlt in direkter Linie durch den Wald zur Baumgrenze hoch, wo uns ein bissiger, eisiger Wind einiges abverlangen. Halbwegs gute Orientierung und auf den Weg bezogene "Weitsicht" sind am Muntet hilfreich, da auf langen Passagen kein herkömmlicher Weg vorhanden ist.

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Kalendarische Vergänglichkeit an einer alten Schutzhütte, die sogar unverschlossen war.

 

Fast schon neon-grün schimmern hier die vermoosten Felsen und geben diesem Teil des Tales einen eigentümlichen Anstrich.

 

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Konstante bei fast allen Touren: Wir sind alleine, treffen nahezu niemanden.


 Ofenpass. Einer von vier Alpenpässen, die wir auf dieser Reise mit unserem ´83er T3 Club Joker erklimmen. In vielen engen Kehren die Berge hinauf ziehen sich diese Asphaltbänder der Pässe, denen wir im T3 folgen.

 

 Man darf sich durchaus die Frage stellen wollen, ob ein so alter Bus, nach heutigen Standards untermotorisiert, dort auch tatsächlich wohlbehalten hinauf komme. Doch drehen wir die Uhr mal kurz 38 Jahre zurück: Statt dieser Frage gab es damals erstens keine Alternativen, und zweitens, ein gutes Gespür für die Art der Machbar-keiten.

 

  Die Alpen und ihre Pässe mit den teils immensen Steigungen zeigen Leistungsgrenzen auf. Es geht so, wie es eben geht. Ob zu Fuß, oder per betagtem Bulli, ist irgendwie ähnlich. Für mich samt Club Joker bedeutet das, so wie die Besitzer damals, die Nerven zu behalten, und den heutzutage drängelnden Neuwagen im Spiegel keine Bedeutung zuzumessen. Wie auch sonst in gemäßigteren Landschaften, lasse ich den wassergekühlten Boxer im Heck möglichst nie unter Volllast laufen. Denn so, wie es eben geht, bollert er brav Kehre um Kehre hinauf, Höhenmeter um Höhenmeter, und die verträgliche Geschwindigkeit zeigt sich dabei von ganz alleine. Einmal oben, zwischen den nervösen Menschen und ihren modernen Fahrzeugen, interessiert es sowieso niemanden mehr, ob wir 2 Minuten früher oder später ankommen.

 

 

 Nach 9 Nächten im Val Müstair hat es uns jedenfalls weitergezogen. Unsere Fahrt über den Ofenpass, Zernez, Samedan und Pontresina findet ihr nächstes Ziel am Campingplatz Morteratsch. Der liegt auf fast 2000 Meter, und ist der wohl am höchsten gelegene Campingplatz in Europa.

 

  Morteratsch ist das Tor zur alpinen Wildnis. Wir verlieren allerdings für einen kurzen Moment den Überblick, ob wir diese Wildnis beim Betreten des Platzes nun verlassen, oder eher doch erreichen. Morteratsch ist ein Campingplatz, der alles bietet, was ein moderner Platz bieten sollte. Aber eben auch mehr. Morteratsch ist völlig anders.

 

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Solche Stellplätze mit Aussichten wie diesen gibt es normalerweise nicht. Höchstens in Hochglanzprospekten.

 

 Versetzt in eine urwüchsige Umgebung, die mich in Kanada, Schweden, oder sonstwo vermuten läßt, verliere ich ein wenig das Bewußtsein dafür, mich auf einem Campingplatz inmitten der Zivilisation zu befinden. Und die Übergänge nach draußen und wieder hinein sind nahtlos. Keine Zäune, keine Schranken, keine Kontrollen. Der Schritt vom Platz in die Umgebung erfolgt genauso übergangslos, wie das Zurückkehren. Ein für mein Empfinden einmaliger, fast schon unwirklicher Zustand, den ich, so wie wohl jeder hier, in seiner Kostbarkeit geniesse.

 

 

  Nachts fällt das Thermometer nahe heran an die Frostgrenze. Die frisch revidierte Standheizung und der eigens für die Tour angeschaffte Iso-Balg für´s Aufstelldach bewähren sich. Abends, während wir uns mit anderen Leuten an den wenigen erlaubten Feuerstellen wärmen, läuft zumindest bei uns im Bus schon die Heizung. Uns erwartet später eine wohlige Wärme, die noch lange anhält, während wir unter den Decken liegend träumen.

 

Morteratsch. Wild und einmalig.

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  So sehr auch technische Fortbewegungsmittel ihre Berechtigung und ihren Reiz haben; die vollkommene Art, um von A nach B, und bestenfalls nach C zu gelangen, ist das Gehen. Einen Schritt nach dem anderen, ergibt sich immer die passende Geschwindigkeit. Ob müde oder voller Energie, ob in der Ebene oder bergauf, das gehen passt sich immer dem an, was sinnvoll ist. Und egal, wie schnell man auch geht, die sogenannte Reizüberflutung findet dabei nicht statt. Die Sinne geraten in ihrer Aufnahmemöglichkeit beim Gehen nie ins Hintertreffen, und auch die Seele gerät nie in die missliche Lage, dem überschnell dahin rauschenden Körper hinterher eilen zu müssen. Drum ist es ein hochkarätiges Erlebnis, hier rund um Morteratsch einfach nur gehend unterwegs sein zu dürfen.

 


 

Am Morteratsch-Gletscher:

Vom Campingplatz Morteratsch tritt man talaufwärts heraus aus dem Wald, folgt dem Fluß, und gelangt kurze Zeit später an den Bahnhof Morteratsch. Von dort machen wir uns auf den Weg durch die Spuren des Gletschers. Er ist längst auf dem Rückzug. Seit vielen Jahren schrumpft er. Und das immer schneller. Die unerschütterliche Erhabenheit, die die Natur mich immer spüren läßt, unterliegt hier in aller Deutlichkeit einem unterschwelligen, dumpfen Mahnen, was sich mit jedem Schritt verstärkt.

  Als Wanderer hat man hier zwei Möglichkeiten, sich dem zu nähern. Einmal gibt es den Weg auf der Talsohle, der durch den übrig gebliebenen Krater von Schutt, Geröll und Steinen heranführt bis ans untere Ende des Gletschers. Außerdem geht etwas oberhalb des Bahnhofs ein Weg rechter Hand hoch hinauf zur Chamanna da Boval SAC. Dieser Weg steigt überwiegend sanft aber stetig, und läßt aus der gewonnenen Höhe einen Überblick zu, der das noch Vorhandene und längst Geschwundene in Gänze offenbart. Wir haben in genannter Reihenfolge beides unmittelbar hintereinander  begangen.

 

 Zerschunden und verstümmelt kommt der Gletscher mir vor, wie er sich vergeblich hinunter zu recken versucht. Hinunter dorthin, wo er nicht mehr hin gelangen wird. Viel, viel weiter, als ich bei der Aufnahme hier stehe, reichte der Morteratsch einst ins Tal. Die zerriebenen Wände talabwärts kommen einem stummen Requiem gleich, und sie lassen noch erahnen, welch´ dicke Eismassen hier eine Ewigkeit lang gelegen haben und in Zeitlupe hinunter gerutscht sind. Die ehemals untersten Bereiche des Gletschers sind mit Büschen und Bäumen zugewachsen, Eismassen gibt es hier längst nicht mehr. Und jene angebliche Ewigkeit auch nicht.

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Das noch Vorhandene und längst Geschwundene in Gänze.

 

Bis an den Stein am mittleren Foto reichte 2003 noch das "ewige" Eis.

 

 Diese seltsame Kunstwelt einer vermeintlichen Sicherheit, der wir uns tagtäglich eher hilflos hingeben, ist nicht von Dauer, und war sie auch noch nie. Wenn überhaupt, hält sie nur von heute bis morgen, und das wage. Und wir taumeln anscheinend tagträumerisch von einem Ereignis zum nächsten, ohne Erkenntnisgewinn, ohne Lerneffekt. Hier an so einem Ort komme ich um diesen Aspekt nicht umhin. Bei aller Schönheit der Alpen, und aller Schönheit dieses Augenblicks, sollte die romantische Verklärtheit nicht die Oberhand gewinnen.

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  Um nochmal bei der sogenannten Ewigkeit zu bleiben, kommt mir eines in den Sinn: Der Gletscher reist uns wahrscheinlich nur ein Stück voraus. Auch wir Menschen werden einst von der Bildfläche verschwinden. Zurück bleiben werden dann, so wie auch hier, jene Narben und Spuren, die wir hinterlassen. Mir ist nur nicht ganz klar, wer sie sich dann überhaupt noch anschauen wird.

 


 

Val Roseg:

Vom Campingplatz Morteratsch aus erreicht man in 4 Kilometern den Ort Pontresina. Wir haben diese Distanz per Mountain-Bikes erledigt, und sind dann vom Ort aus ins Val Roseg gestiegen. Auf der kompletten Strecke laufen wir immer wieder am Fluss entlang, der weit oben aus dem Bergsee Lej da Vadret entspringt. Bis dorthin werden wir wandern. Der Weg führt zunächst durch dichte Kiefernwälder, die irgendwann im Bereich der bewirtschafteten Roseg-Alp enden. Ab hier öffnet sich der Blick ins Hochtal, das noch einmal in der Zeit zu durchschreiten gilt, die schon bis zur Alm notwendig war. Die Strecke hoch und wieder zurück beläuft sich auf gut 25 Kilometer, und es lohnt, für diese Wanderung mit entsprechenden Pausen den gesamten Tag einzuplanen.

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Im noch engeren,

unteren Teil des Val Roseg.

Auf der Hälfte des Weges,

die leicht touristisch angehauchte Alp.

Val Roseg im oberen, sich später

wieder verengenden Teil.


 

 Ein Sahnestückchen von Tal ist das Val Roseg. Auch hier im oberen Teil ist gut zu erkennen, wo der Gletscher endet, und wo er weiter unten einst verlaufen sein mag. Viel "Kanada-Flair" bekommen wir hier ab, und immer wieder denken wir an die Geschichten von durchziehenden Braunbären, die es an verschiedensten Stellen in der Schweiz gibt. Hier würden sie sich sicher wohlfühlen, die Bären, und auch Grizzly-Adams...

 

 

Am Lej da Vadret, der hoch oben im bewanderbaren Abschluß des Val Roseg liegt.

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 Unsere Heimreise steht bevor. Und mein innerer Kreiselkompass hält bekanntermaßen auch erst still, wenn ich den Klassiker samt uns in bekannt gediegener Weise bewegen darf. Bei aller Schwärmerei für der VW Bus T3, und bei aller Beteuerung, der T3 sei nach wie vor zeitgemäß, weiß ich tief in mir doch, er ist es nicht mehr. Aber das bezieht sich auf die Dinge, die sich mit einem Blick von außen aus dem Vergleich mit den Fahrzeugen der Neuzeit ergeben. Zeitgemäß ist er nämlich nach wie vor, nur halt nicht neuzeitgemäß nach den teils obskuren Maßstäben, die heute gelten. Das versteht aber nur jemand, der einen T3 besitzt und schätzt. Es liegt ja nie am Fahrzeug selbst, sondern an der Einstellung, mit der man solche Klassiker betrachtet, bewertet, beurteilt, benutzt und bewegt.

 Dieser T3 ist nun gute 38 Jahre auf den Strassen, und ich möchte behaupten, die entsprechende Öko-Bilanz ist nicht die schlechteste. Und ich freue mich auf jede Fahrt, ob kurz oder lang. Ein bisschen Sentimentalität kommt da schon auch auf, oder zum Teil auch mit Freude verwobene Wehmut. Die Bullis werden immer älter, und wir mit ihnen. Oder umgekehrt. Mit 80 Jahren oder älter, wenn solche Unternehmen vielleicht nicht mehr möglich sind, werde ich mich jedenfalls nicht an das erinnern, was ich gelassen habe, sondern an das, was ich mit diesem herrlichen Klassiker unternommen habe. Wie bitte, sollte es wohl noch schöner sein?

 

Ein Klassiker hoch oben. WESTFALIA Club Joker am Julier-Pass.

 

 Von Morteratsch drehen wir also nordwärts, und die Fahrt führt uns als erstes über St. Moritz und Silvaplana auf den Julier-Pass. Alle Gedanken, die ich mir daheim über die Bewältigung der Alpenpässe gemacht habe, sind hinfällig geworden. Eigentlich schade, am liebsten müssten jetzt noch paar Pässe kommen dürfen, denke ich. Es macht diebisch Spass, wie der alte Wagen hier die Höhenmeter meistert.

  So bleibt uns genügend Zeit und Muse, ab und an die Fahrt für ein Foto, ein Pausenbrot, oder einen frischen Kaffee aus der WESTFALIA-Bordküche zu unterbrechen. Weiter führen uns die kurvigen Strassen vorbei am schön gelegenen Stausee Lai da Marmorera gen Chur, und von dort über St. Gallen am Bodensee vorbei abschließend nach Hause.

 

Abschluß einer famosen Tour: VW T3 WESTFALIA Club Joker am Lai da Marmorera.


 

 Immer am Ende von Irgendwas steht nicht selten die Motivation, ein Fazit zu ziehen. Irgendwie sollte es doch zu finden sein, jenes ultimative Schlußwort, knapp gehalten, nichts vergessend. Oder ist diese umfangreiche Form eines Reiseberichts das Fazit als solches? Dann möchte ich wünschen, alles Wichtige, Wissenswerte und Gute hineinbekommen zu haben. Die Eindrücke und Erlebnisse dieser Reise durch die Schweiz waren umwerfend. So manches davon wird sich tief einlagern im Gefäß der Erinnerungen, und viele Sequenzen davon durchleben wir wieder und wieder, und zwar so, als wären sie real.

 

 Beseelt vor Reiseglück, und versehen mit vielen bereichernden Eindrücken, durften wir heil und gesund in unserem bravorös gelaufenen Camping-Klassiker nach hause zurück kehren. Man hofft es zwar immer, aber auch das ist alles andere als selbstverständlich. Was bleibt, ist ein Dank für diese kostbare Zeit, für alle lieben Kontakte und Begegnungen, und ebenso ein großes Dankeschön für eure Aufmerksamkeit und das Interesse an DT-Classics und diesem Beitrag.

                                                                                                 Herzlich, Dirk Trampedach

 

2021 © DT-Classics


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Kommentare: 9
  • #1

    Kai (Montag, 06 September 2021 22:13)

    Moin, Dirk.
    Ich werde ganz neidisch. Und kann mich so gut in die Stimmung hinein versetzen. Dieses Jahr wird es bei uns einfach nichts mit Urlaub, da macht mich so ein Artikel umso kribbeliger. Ich habe recht lange Zeit in der Schweiz gearbeitet und oft Sehnsucht, mal wieder dort hin zu kommen. Ist ein herrliches Land. Nur von uns riesig weit entfernt.
    Liebe Grüße udn streichel mir den Bulli :-)

  • #2

    Peter Roskothen (Dienstag, 07 September 2021 07:32)

    Lieber Dirk,

    Dein / Euer Bericht ist herzerfrischend, verlangt bei mir nach sofortigem Kauf eines Campers und dem Nachfahren. Allerdings ist der Bericht so lebendig, dass ich glaube dabei gewesen zu sein. Dann sind da noch diese wunderschönen Fotos, in die ich jedes Mal tief hineingezogen werde, insbesondere im Falle der Landschaftsaufnahmen. Gerne hätte ich auch das eine oder andere bereits große Foto noch einmal vergrößert gesehen. Insgesamt kann ein Wohnmobilverkäufer nur davon träumen von Dir beruflich mit solchen Berichten beliefert zu.werden. Deine Fotos gewinnen in jedem Jahr, so mein Eindruck. Vielen Dank, dass Du uns Leser so mitnimmst.

    Herzlich,
    Peter

  • #3

    Dirk von DT-Classics (Dienstag, 07 September 2021 08:03)

    Hallo Kai,

    deine Aussage unterschreibe ich blind, die Schweiz ist und bleibt landschaftlich, wie auch von der Mentalität der Menschen dort, mein/unser Lieblingsland seit einigen Jahren. Dort dauerhaft zu leben, ist eine Option, vielleicht kriegen wir´s ja noch hin... ;-)

    Beste Grüße nach DK, und lieben Dank für deine "Anwesenheit" hier!

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    Mein lieber Peter,

    dein außergewöhnlicher Kommentar adelt diesen Beitrag mit jener charmanten, präzisen Art, die ich so an dir mag! Ich freue mich zutiefst, dass dein professioneller Blick auf den gesamten Artikel, vor allem natürlich auch auf die Fotos, zu einem so motivierenden Ergebnis kommt, einen warmen Dank dafür!

    Herzlichst, Dirk

  • #4

    Lars Rickl (Dienstag, 07 September 2021 21:25)

    Was für ein super Reisebericht, da möchte ich mich den beiden Herren unbekannter Weise gerne anschließen. Abgesehen davon beeindruckt mich vor allem auch, diese Form des Reisens lebendig zu halten. Ich finde, es ist eine vorbildhafte Alternative, den Campingströmungen nach immer mehr Luxus und immer mehr Klimbim die Stirn zu bieten, und in einem VW Bus solche Touren zu machen. Danke ihnen für diese tolle Seite!

  • #5

    Dirk von DT-Classics (Mittwoch, 08 September 2021 08:25)

    Hallo Herr Rickl,

    was sie zum Ausdruck bringen, weiß ich zu schätzen, dafür meinen herzlichen Dank!

    Die Stirn bieten trifft´s allerdings nicht so recht, da ich weder in Konkurrenz zu irgendwas stehe, noch davon ausgehen möchte, dass das Eigene immer das Bessere sei. Ich mache einfach das, von dem ich überzeugt bin, dass es "meins" ist, und mir gut tut. Außer im T3 unterwegs zu sein, ist mir bislang nichts eingefallen.. ;-)

    Freundliche Grüße, Dirk Trampedach

  • #6

    Fred (Mittwoch, 08 September 2021 11:23)

    Moin! Alle Begeisterung, die neben richtig viel Professionalität für so einen Spitzenartikel nötig ist, tropft hier förmlich aus meinem Bildschirm, ich bin von den Socken. Das ist fotografisch und textlich von allem was ich kenne VW Bus-Reise-Oberliga-Qualität.

  • #7

    Dirk von DT-Classics (Mittwoch, 08 September 2021 12:43)

    Hallo Fred,

    meinen allerherzlichsten Dank dafür!

    Beste Grüße, Dirk Trampedach

  • #8

    Andreas (Mittwoch, 08 September 2021 20:57)

    Ein toller Bericht der Lust aufs Bulli–Reisen macht. Poetisch geschrieben mit extrem guten Bildern untermalt…danke dafür …PS: mein T2–Westi hat mit seinen Scheinwerferschirmchen geblinzelt …der will da auch hin�

  • #9

    Dirk von DT-Classics (Donnerstag, 09 September 2021 06:18)

    Vielen Dank, so Zeilen machen wirklich Freude!
    Gerade in Morteratsch wird sich dein T2 Westi wohlfühlen, dort finden sich genügend davon... ;-)

    Herzlich, Dirk