- Ein Leben rund um den VW Bus T3 -

 

in Fotografie & Geschichten

 


gkjetrpiogjtp

Der Winter war für meine Begriffe alles andere als schön, und wieder einmal richtig lang, vor allem zum Ende hin. Es ist jedesmal dasselbe Spielchen. Immer, wenn ich schon der Kälte, der Nässe und des Schnees völlig überdrüssig bin, holt der Winter bei uns nochmal richtig aus, und haut mir diese letze, lange Kelle Dreckswetter um die Ohren. Doch diesmal war es auch für was gut! Ich habe den WBX draußen gehabt, und einem zunehmenden Ölverbrauch ein Ende bereitet. Und jetzt, bei der ersten, richtigen Fahrt nach einigen zaghaften Proberunden, schnurrt das Boxerkätzchen wieder im Heck, als wäre nichts gewesen.

 

Unfassbar, auch völlig ohne Gepiepe aus den Tiefen irgendeiner elektronischen Spielkiste ist es mir gelungen, von Fahrtantritt den Sicherheitsgurt anzulegen, und ich weiß sogar, dass ich gerade dabei bin, rückwärts zu fahren. Und zwar hinaus aus meiner Einfahrt, an deren Ende ich frühzeitig vor der Hecke meines Nachbarn früh einschlagen sollte. Auch das gelingt wie gewohnt, komplett ohne smarte Unterstützung. Na, dann los, nichts wie ab auf die Strasse.

 

Letztens hat mich ein Bekannter gefragt, ob ich denn nicht Lust verspüren würde, lieber einen neuen, zeitgemäßen Camper zu fahren, statt in einem betagten VW T3. Ich habe mit der Gegenfrage geantwortet, was ein neuer Camper denn kann, was ein T3 für mich nicht könne, zuzüglich des nicht vorhandenen Charmes. Es blieb dann ein eher kurzes Gespräch.

 

Wir sind im Mini-Konvoi unterwegs nach Dänemark. Landschaften werden flacher, der Blick reicht immer weiter, und wir nähern uns diesem einen, magischen Augenblick. Geht es nach Süden, ist es jener, wenn vor mir im Ferndunst erstmals die Konturen der Alpen auftauchen. Bei Touren nach Norden geht es mir so, wenn das Meer zum ersten mal zu sehen ist.

 

Als ich meinen ersten VW Bus T3 nach 11 Jahren verkaufte, war mir klar: So lange werde ich nie wieder ein anderes Fahrzeug besitzen. Fehlanzeige! Seit nunmehr 17 Jahren steht der WESTFALIA Club Joker bei mir im Hof, und selbst diese Zeitspanne ist rückblickend wahnsinnig schnell vorüber gegangen. Etwas ungläubig stehe ich dann davor, und wie schon so oft beschleicht mich der Gedanke, dass es doch so etwas wie Zeitlosigkeit geben mag. Denn was nicht vergeht, ist dieses unbeschreiblich gute Gefühl, vorne auf den Reisesitz zu steigen, und mich auf Tour zu begeben. Die Möglichkeit, in diesem Fahrzeug mal nicht anzukommen, liegen zu bleiben, oder mit unüberwindbaren Problemen konfrontiert zu sein, kommt in meinen Gedanken nicht vor. Die Erfahrung von 17 Jahren hat Szenarien dieser Art nicht sein machen lassen. Eigentlich unfassbar. Die Zuverlässigkeit, selbst eines fast 40 Jahre alten T3´s, ist gigantisch.

 

Unterwegs zu sein im VW T3 WESTFALIA Club Joker ist für mich eine absolute Erfolgsgeschichte. Im Laufe der Jahre bestand immer mal die Möglichkeit, deutlich leistungsstärkere T3´s zu sehen, zu fahren, oder einfach auch nur in welchen mitzufahren. Das weckt leicht Begehrlichkeiten, keine Frage. Wenn dann mein Puls jedoch wieder im Standgas angekommen war, und ich mich hier in den 1.9er WBX "DG" gesetzt habe, war meine Welt völlig ok, und ich im Reinen mit allem.

 

Seit Monaten schon ist die A 45 wegen Brückenschäden bei Lüdenscheid nicht befahrbar. Doch es soll nach Norden gehen, und da habe ich bei der Wahl von Autobahnen keine Alternative. Außer, ich lasse mich auf gewaltige BAB-Umwege ein, oder begebe mich für längere Strecken auf Landstrassen. Gute Idee!

 

Es läuft nordwärts. Auch, wenn der Schwung für die Kasseler Berge mehr als ausreicht, freue ich mich auf die flacheren Streckenabschnitte danach. Da stellt sich diese gleichbleibende, sonore Singsang ein, der wohltuemnd aus dem Motorraum zu mir bnanch vorne dringt, und der jede Musik überflüssig werden läßt. Es ist der Soundtrack zu den gedasnkenbildern in meinem Kopf, es ist die perfekte Hintergrundmusik zu meinem ganz persönlichen Road-Trip.

 

Ein Fahrtenbuch habe ich nie geführt, und auch die Stunden nie addiert, die ich hier vorne links im besten Auto der Welt bislang zugebracht habe. Es spielt auch keine Rolle. Dem Besonderen dieses Moments hat es keine Abnutzung beschert. Auf jede neue Fahrt freue ich mich in jener gespannten Weise, die man zwar erklären, aber nur selten nachvollziehbar maxchen kann. Schon alleine der gedanke daran, wieder auf Achse zu sein, löst bei mir dieses nicht unterdrückbare Lächeln aus, welches sich langsam von der magengegend bis hin zum gesicht ausbreitet.

 

 

-----------------

Es gibt abertausende Testberichte von Automobilen, Reiseerzählungen, Bildbände. Was mich immer schon fasziniert hat, ist die emotionale Komponente. Und auch dazu finden sich wunderschöne Niederschriften. Eine, obwohl nicht für den VW Bus erdacht, sondern für den Citroen DS, ist mittlerweile über 75 Jahre alt, und stammt von dem französischen Kulturwissenschaftler Roland Barthes. In den ersten Zeilen seines Essays schreibt er:

 

"Ich glaube, dass das Auto heute das genaue Äquivalent der gotischen Kathedralen ist. Ich meine damit: Eine große Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde und die in ihrem Bild, wenn nicht in ihrem Gebrauch, von einem ganzen Volk benutzt wird, das sich in ihr ein eigenes magisches Objekt zurüstet und aneignet."

 

Unter Hinzunahme solcher Gedanken in (m)einem klassichen VW Bus zu sitzen, erlaubt es, das spezielle Wesen eines Fahrzeuges zu ergründen. Der Zauber, der zu diesem sanft brummenden Gesamtkunstwerk führte, ist der Grund, der den VW Bus seine Geschichte schreiben ließ. Und jetzt in diesem erhabenen Augenblick, während ich genussvoll durch die Landschaft gleite, komme ich dem Unmittelbaren der Realität abhanden. Dann ist es plötzlich nicht mehr 2022, sondern irgendeine andere Zeit tief in den 80ern. Der Übergang ist nahtlos, weil fast alles unverändert bleibt. Das Tal hier kenne ich seit meiner Geburt, und es ist so, wie es immer war. Auch die fast 40 Jahre, die mein Bus am Buckel hat, sind im Augenblick bedeutungslos. Selbst mein Gefühl zu allem scheint dasselbe zu sein. Ich denke so, als wäre ich jung, und es fühlt sich auch so an. Einzig der eigene Körper entwickelt sich aus diesem Zustand hinaus, und hinterlässt diese seltsame Diskrepanz zwischen einem geistigen und körperlichen Altern. In genau diesen Augenblicken zeigt sich, wie unschätzbar wertvoll immer der Moment ist, der gerade ist, und auf Achse im VW T3 ist das kaum steigerbar.

---------------------

 

In meinen Beiträgen hier erzähle ich eigentlich keine Autogeschichten. Nicht zufällig lautet der Untertitel dieser Webseite "Ein Leben rund um den VW Bus T3". Denn ja, es geht allem voran um ein Leben, immer genau um dieses eine, und immer genau heute, jetzt und hier.

 

Fast 40 Jahre, über 300.000 Kilometer, und immer noch gibt es Stellen, die unberührt blieben, und an denen bislang niemals was revidiert werden musste. Unter anderem ist das das Getriebe. Geräuschlos im Fahrbetrieb, und auch ohne "Zähneknirschen" im Schaltvorgang, verrichten die 5 Gänge nach wie vor tadellos ihren Dienst. Ich finde, das ist bemerkenswert. Erkennbar wäre die Laufleistung gewiss am abgewetzten Schaltknauf, aber den habe ich schon mehrmals ersetzt. Ich mag es, wenn solche Teile des permanenten Einsatzes eine gewisse Unbenutztheit ausstrahlen.

 

Der Motor war komplett auseinander. Eine gewisse Anspannung und Unruhe zu beginn der ersten Fahrten lässt sich da kaum vermeiden. So sicher, wie ich auch bin, sauber und präzise gearbeitet zu haben, bleibt doch zu Beginn diese übersensible, erste Tankfüllung, mit der ich mich zurück in ein neues Vertrauen hinein fahre.

 

Im Geräusch eines dahingleitenden Klassikers löst sich das Grundrauschen des Alltags binnen weniger Kilometer vollständig auf. Langstrecke kommt daher einer ambulanten Reha-Maßnahme gleich, hochwirksam, nachhaltig, komplett rezeptfrei, und völlig ohne Zuzahlung.

 

Mal alleine für sich zu sein, ist keine Einsamkeit, und von zuhause entfernt, wird man nicht gleich heimatlos. In der Gewissheit bin ich gerne unterwegs.

 

 

 


2022 © DT-Classics



Kommentar schreiben

Kommentare: 0