Jenseits der Standards

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  Seit einigen Jahren bin ich als Straßenfotograf unterwegs. Die Sorge, in Standards, Ritualen und festgefahrenen Denkmustern zu ertrinken, begleitet mich wie der künstlerische Tod auf Raten. Es klingt für mich wie eine Androhung des eigenen Untergangs, zur Monstranz eines Genres werden, das nur noch die Formen wiederholt, die früher funktioniert haben. Das führt dazu, möglichst jeden Tag neu nach dem Moment Ausschau zu halten, der sich weigert, in diese Schablonen zu passen, die sich nur allzu oft zeigen.

 

   Es war mal wieder einer dieser Tage, die nichts am Zettel hatten. Völlig frei, mit nichts als der Kamera dabei, habe ich mich durch die Stadt bewegt. Thematisch, oder sagen wir, motivisch, hatte ich auch nichts am Zettel. Mir kam der Gedanke, wie es wohl sein würde, beim Blick auf die Straße nicht das zu suchen, was sowieso schon jeder gesehen hat. Nach so langer Zeit, in der ich nun Street Photography mit Schwerpunkt Menschen mache, trage ich da wirklich noch die Offenheit in mir, das verkannte Glitzern des Gewöhnlichen zu entdecken?

 

DT-Classics: Street Photography jenseits der Standards.
Das verkannte Glitzern des Gewöhnlichen.

Street Photography, die Präsenz der flüchtigen Augenblicke, wird gerne mit schnellen Mikro-Momenten und knappen Zeitfenstern in Verbindung gebracht. Ich weiß nur zu gut, dass wahre Magie nicht in der perfekten Lichtführung eines verlassenen Gassenwinkels entsteht, sondern in der Kunst, das Banale so zu würzen, dass es plötzlich zu erzählen beginnt. Und so habe ich mich an diesem Tag selbst dazu eingeladen, noch einmal mit der Neugier eines Anfängers loszuziehen, die üblichen Wegweiser zu ignorieren, und stattdessen diese ganz eigenen Momente des Alltags aus der Zeit heraus zu bürsten.

Jenseits der Standards. Jenseits der Standards?

   Irgendwie ist das seltsam. Da möchte ich mich nicht einverleiben lassen durch fotografische Routinen, und suche sie dennoch als Motiv. Denn nicht selten stecken stille Absurditäten hinter Routinen. Lacht die Dame dort gerade süffisant innerlich? Oder wartet der Herr dort auf etwas, das nie kommt? Sei es drum, die beste Lektion kommt oft aus dem missglückten Versuch, das Banale und Außergewöhnliche darin festzuhalten und weiterzuerzählen.

 

DT-Classics: Street Photography jenseits der Standards.
Stille Absurditäten hinter Routinen.

Jenseits der Standards.

  Was braucht der Alltag, und was braucht meine Fotografie? Braucht es immer eine Pointe? Manchmal erscheinen mir die Szenen verschlossen, der Witz wirkt zu flüchtig, die Pointe viel zu flach. Oder der Moment will einfach kein Bild geben, das mehr sagt als das Offensichtliche. Vielleicht benötigt es viel eher die Erkenntnis, dass ein bestimmter Kontext in der jeweiligen Zeit die Bedeutung einer Szene verändert. Was ich sehr schätze, ist die Einfachheit eines Moments, aber nicht dessen Eindeutigkeit.

 

DT-Classics: Street Photography jenseits der Standards.
Einfachheit eines Moments ohne Eindeutigkeit.

  Am Ende des Tages bleibt die Frage: Wie treffe ich die Grenze zwischen dem Gewöhnlichen und dem Außergewöhnlichen? Wie halte ich die Offenheit gegenüber dem Unbekannten lebendig, auch wenn die Straßen wieder zu einstudierten Mustern verführen? Die Antwort ist nicht fertig, sondern in ständiger Bewegung. Im nächsten Spaziergang, im nächsten Blick, im nächsten Bild, das sich weigert, sich in die “normale Straßenfotografie” pressen zu lassen.

 

Jenseits der Standards.

DT-Classics: Street Photography jenseits der Standards.
Alles in Bewegung: Im nächsten Spaziergang, im nächsten Blick, im nächsten Bild, das sich weigert, sich in die “normale Straßenfotografie” pressen zu lassen.

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