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Karel Gott, mein Vater, und der Frieden eines Samstagnachmittags

Heute gibt´s hier im Blog eine Zeitreise. Ich denke, so ab und an mache das zukünftig, denn alles gehört zusammen. Und auf gewisse Weise schließt sich der Kreis, denn Automobile, und die damit verbundenen Möglichkeiten, Ereignisse und Emotionen, begleiten mich seit frühester Kindheit. Das ist abgespeichert wie das Geräusch der Mainzelmännchen, die Musik vom DDR-Sandmännchen im Hubschrauber, die laute, handbetätigte Bimmel des vorbeifahrenden Milchwagens, das typische Prasseln von ausgeschütteten LEGO-Steinen, oder das" Loch in der Banane" vom NDR.

 

Oh ja, genauso lebendig klingt in mir auch jenes Geräusch des Wasserstrahls, der auf die Chromradkappen der dunkelgrünen SIMCA 1500 prallte, wenn mein Vater, samstags das Auto waschend, bestgelaunt zugange war. Er fuhr nur SIMCA, alles Neuwagen. 1000er, 1100er, 1301er, 1501er special. Und samstags war Waschtag.

 

Ich saß derweil einem Ritual gleich zur selben Zeit in der schmalen Badewanne, das Fenster zur Einfahrt hin gekippt, und ordnete die Geräusche den jeweiligen Handgriffen zu. Da war das rubbelige Quitschen des Autoleders, der Schwamm, gedreht und ausgewrungen im Eimer mit schaumigen Wasser, und das unrhythmische Plätschern des runterlaufenden Wassers auf den Betonplatten der Einfahrt, die Schritte, und das raschelige Kratzen des Wasserschlauches am Boden.

 

Untermalt wurde dies alles vom Samstags-SIMCA-Sound des "Bajazzo-Sport", jenem klassisch-stilvollen Kofferradio von TELEFUNKEN, welches im Auto unter dem Armaturenbrett eingesteckt werden konnte, und sonst am Regal über der Eckbank in der Küche stand.

Das Bajazzo hatte damals schon eine abschaltbare UKW- Abstimmautomatik, eine Teleskopantenne, einen Anschluß für Kleinhörer, Autoantenne, Plattenspieler oder sogar ein damals unerschwingliches Tonbandgerät. Bei Betrieb in der Autohalterung wurde tatsächlich die Skalenbeleuchtung aktiviert. Das war bei unseren Nachtfahrten in Urlaub ein echtes "High-Light".

 

Während ich sicher schon zum x-ten Mal warmes Wasser nachlaufen ließ, um den Badegenuß in die Länge zu ziehen, hörte ich meinen Dad jedenfalls zufrieden vor sich hin pfeifen, nicht selten im Duett mit Karel Gott: "...einmal um die ganze Welt, und die Taschen voller Geld...." Karel Gott sang übrigens "Daaschen".

Während dessen zauberte meine Mutter in der Küche einen ihrer legendären, gelb-orangenen Rührkuchen. Der gehörte zum offiziellen Einläuten des Wochenendes genauso dazu, wie der frisch gemahlene Kaffee, das gewaschene Auto, und mein erfolgreich vollzogener Badevorgang.

 

Was mein Dad dann so empfunden haben mag, mit mir im Arm vor der frisch geputzten SIMCA stehend, habe ich ihn später leider nicht mehr fragen können.

Aber aus heutiger Sicht darf ich sagen, habe ich ein eindeutiges Bild dazu. Es spricht vieles dafür, dass er bestimmt ein höchst zufriedener Mann in einem wahrhaft glücklichen Augenblick am Ende eines langen Tages gewesen sein muß.

Exakt einer jener Zustände, die mich umschleichen, wenn ich heutzutage meinen VW-Bus gewaschen habe, und die Situation genießend mit einem heißen Kaffee in der offenen Schiebetür sitze.

 

Manchmal wünsche ich mir, der Frieden und die Unbekümmertheit,  wie an solchen Samstagen, die kämen noch einmal zurück. Aber so sehr ich mich auch bemühe, die Dinge lebendig zu halten, rutscht doch nach und nach vieles davon ins Sepia hinab. Was bleibt, ist ein Modell der grünen Simca, dieses Foto eines frohen Samstags, der Song von Karel Gott, der Geschmack von Rührkuchen, und alle diese sehnsuchtsvollen Erinnerungen und Bilder in meinem Kopf.



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