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Die Zeit im Sucher

Ich denke, es ist nochmal Zeit für eine kleine Zeitreise. Sachen revue passieren lassen, und nochmal drauf schauen, sowas halt. So manches ist gekommen und wieder gegangen. Damit meine ich nicht unbedingt nur Personen. Gekommen und gegangen sind zum Beispiel auch bestimmte Gewohnheiten, Interessen und Hobbies, und somit eben auch die ein- oder anderen Gegenstände.

Hier und heute soll´s aber um die Dinge gehen, die geblieben sind. Lebensbegleiter, die von vorne weg dabei waren, und ohne sonderliche Mühe ein Teil dessen geblieben sind, der vielleicht die Bezeichnung "wichtig "tragen könnte. Oder "schön". Oder "besonders". Wenn ich aufzählen sollte, was sich hinter so Attributen verstecken könnte, fallen mir vor allem gutes Werkzeug, Fahrräder, Gitarren und Kameras ein. Der Brückenschlag gelingt vielleicht mit Blick auf diese Seite, auf DT-Classics eben. Durch all´die Jahre ohne Kamera? Undenkbar!

 

Eins vorweg:

Meine Fotoapparate -ja, so sagte man früher dazu- sind denselben Weg gegangen, wie meine Fahrräder, die Gitarren, oder meine Autos. Wenn es neue gab, sind die alten gegangen. Nicht immer konsequent, aber doch schon überwiegend. Und auf jeden Fall immer gespickt mit der entsprechenden Wehmut, immer begleitet von erheblichem Gezauder im Entscheidungs-Pingpong, immer mit bisschen Reue, wenn sie dann weg waren. Aber Dinge weggeben zu können, macht mich froh, denn es zeigt mir, dass ich sie besitze, und nicht sie mich.

 

Angefangen hat mein Fotographieren jedenfalls mit einer AGFA- "AGFAMATIC 3000". Könnt ihr euch noch erinnern, an diese "Ritsch-Ratsch-Klick"-Ära? Gewünscht hatte ich mir damals eigentlich die für mich coolere KODAK "Instamatic". Aber auch cool gabs nicht. Dinge waren knorke, oder schockten. Wer heute meint, etwas sei cool, sagte damals, "das schockt". Für meine Großeltern war Ritsch-Ratsch-Klick alles ein Brei. Aber so wie Hans Rosenthal´s "DALLI-Klick!" hatte es zumindest für sie auch was mit Fotos zu tun.

Eine Wahl, ein bestimmtes Fabrikat, sowas war für meine Großeltern unbedeutend. Und so bekam ich dann zu meinem 10. Geburtstag statt der KODAK die Ritsch-Ratsch-B-Seite dieser sogenannten "Pocketkameras" in Form der AGFAMATIC 3000.

Der fette rote Sensorauslöser hatte schon was. Auch der schockte. Und im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich war die Blitztechnik. Der aufsteckbare Blitzwürfel, dessen 4 Seiten je einen Blitz möglich machten, schmorte dank Stromimpuls in einem feuerartigen Flash hell auf. Die Wärme war bis an die Stirn zu spüren, während ich mich ungelenk hinter dem Mini-Sucher verbog.

 

Aber was treibt einen dazu, überhaupt zu fotographieren? Womit ist er zu erklären, dieser Wunsch, oder besser, der Drang, Augenblicke festzuhalten? Vielleicht geht es unterschwellig immer darum, das, was uns die Situation empfinden läßt, ins Bild zu übertragen. Also die Emotion festzuhalten. So mag das auch Bestand haben, wenn wir Fotographierenden das selbst gar nicht unbedingt an erster Stelle vermuten. Aber selbst, oder gerade auch hier und heute beim Ablichten von Situationen, in denen "viel Auto" erscheint, ist mir das oftmals nur Mittel zum Zweck. Die eigentlichen Aussagen liegen meist...dahinter.

Mein Dad jedenfalls, der fotographierte überwiegend im Urlaub. Der Pro-Bild-Preis war damals derbe hoch, und die Kohle mühsam erarbeitet. Einfach mal so drauflos knipsen - undenkbar. Und er mochte gute Kameras scheinbar auch, soviel weiß ich heute. Drüber unterhalten, dazu kam es nicht mehr, aber seinen alten Fotoapparat, den habe ich damals "geerbt".

Eine WERRA. Der Name dahinter: Carl Zeiss. Alle Funktionen dieser Sucherkamera steckten im Objektiv. Selbst der Filmtransport, also das Spannen, erfolgte über den breiten schwarzen Sockelring am Objektiv. Genial einfach, und ein klasse Gerät. Filme einlegen, von Hand belichten, "spannen". Heute urzeitliche Vorgänge. Das Ding roch mechanisch. Was ich damit meine? Naja, halt so einen Geruch, der vermittelt, hier ist Metall, Funktion, und noch bisschen was von Feinmechanik im Spiel. Sowas hat einen sehr speziellen Duft!  Ach kommt, Leute, ihr wißt genau, was ich meine...

 

Und dann kam die CANON AE1-Programm!

Ihr Vorgänger, die schlichte AE-1 war die erste Kleinbildkamera überhaupt, die schon eine Steuerung mit Microprozessor hatte. Aluminiumgehäuse, Prismensucher, einfach herrlich. Und eine gleichzeitig vorhandene Belichtungs-, Blenden- oder eben Vollautomatik war in diesen Tagen ein Meilenstein.

Richtig erotisch fand ich übrigens immer...Tuchschlitzverschluß. Die CANON AE-1 Programm hatte einen Tuchschlitzverschluß. Mich hat das immer an lang und hoch geschlitzte Beinkleider erinnert. Na, egal.

Später habe ich dann noch auf die A-1 erweitert, und das ganze mit klasse Objektiven von SOLIGOR, SIGMA, aber eben auch von CANON selbst bestückt. Mit den aufwendigeren Möglichkeiten einer Spiegelreflexkamera steigt der Anspruch an das Bild, und somit wohl auch an einen selbst. Der Aufwand, der so zwar gar keiner ist, fühlt sich dennoch etwas unzufälliger an. Da steckt jetzt Arbeit in jedem Bild.

Das tatsächlich Spannende ist, wie unglaublich hautnah mir heute noch diese Situationen in den Sinn kommen, wenn ich nur die Fotos betrachte. Da sind sofort Gerüche, Geräusche, Handlungen, und bestimmte Umstände abrufbar, und es ist ein Leichtes, sich da wieder einzufinden. Es ähnelt schon auch ein bisschen dem Hören bestimmter Songs, die damals zu bestimmten Situationen sinnstiftend waren. Das hat sich eingebrannt. Heute reichen die ersten 3 Takte, und der alte Moment ist wieder da. So geht mir das auch, wenn ich die Fotos anschaue.

Und Vorurteil adé: Fotographieren nimmt mir nicht die Aufmerksamkeit für den realen Augenblick. Ich muß nicht erst zuhause auf den Bildern nachschauen, wo ich denn nun im Urlaub war. Ganz im Gegenteil. Beim Aufbauen des Fotos habe ich alles im Blick. Licht, Motiv, Intension und Gefühl, und alles drumherum. Und diesen eingefrorenen Moment kann ich später beliebig oft auftauen. Damals, gestern, heute. Wie immer halt. Es liegt eben im Auge des Betrachters.

 1985, eine "AE1-Programm" und ich werden selbst zum Motiv.

 

Das Foto der AGFA, sowie das der WERRA, stammen nicht von mir.

Ich habe sie Bildplattformen im Internet zur Verdeutlichung entnommen.

Alle Rechte liegen beim jeweiligen Urheber.



DT-Classics

-Februar 2018-


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Kommentare: 2
  • #1

    Butze (Mittwoch, 11 April 2018 09:15)

    Moin Dirk,

    "Das Ding roch mechanisch." "Ach kommt, Leute, ihr wißt genau, was ich meine..."

    Oh Ja. Das ist der Geruch, welcher jedes aus Neugier aufgeschraubte Tapedeck! oder Tonbandgerät! oder auch ein Plattenspieler in sich drin hatte.

    Diese Mischung aus Nähmaschinenöl, Elektrobauteilen, Harzen, Platinenen... usw.

    Das sollte man als Herrenduft auflegen ;)

    Thank you for the Memories, Thomas

  • #2

    Dirk von DT-Classics (Mittwoch, 11 April 2018 17:34)

    Ja Thomas, die Idee wäre patentverdächtig!
    Ich würde mich damit sofort einbalsamieren.... ;-)

    Danke fürs Reinschauen,
    Dirk