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Nachtfahrglück

Nachdem nun meine große Sommerfahrt 2018 in die Schweiz sprichwörtlich gelaufen ist, bleibt Gelegenheit, nochmal eine weitere Reise zu tätigen, nämlich in die eigene Kindheit. Neulich, als wir so in die Nacht hinein fuhren, hatte ich plötzlich eines jener Dejavu-Erlebnisse, Flashbacks, oder wie immer das heißt, wenn plötzlich alles wieder da ist. Mir kam die Erinnerung, dass auch wir damal immer nur nachts in Urlaub fuhren. Mein Vater ist nie tagsüber in Urlaub gefahren. Vielleicht, so dachte ich, ist es daher so etwas wie ein rituelles Erbe, ein Überbleibsel meiner Erinnerung an Urlaube als Kind, weshalb ich selbst auch lieber nachts fahre.

 

Wie schon gesagt, es ging nachts los. Und diese letzten Stunden der Abreisevorbereitungen waren teils spannender, als am Heilig Abend die letzten zehn Minuten vor der Bescherung. Wir Kinder sollten vorher immer noch bisschen schlafen. Und wir wurden auf eine liebevolle Art zum Zubettgehen genötigt.

Das Knistern, die Spannung, irgendwas lag da immer in der Luft. Es mag eine Sequenz harmonischer, von Vorfreude geprägt, und aus einem einfachen Glück heraus sehr bewußt empfunden worden sein, jener Abfahrtstimmung am Abend vorm lang ersehnten Urlaub.

Es war wie immer, nur anders. Spannender halt. So müssen sich Schmuggler fühlen, oder Leute, die nachts aufstehen, um von a nach b zu schleichen, oder die von irgendwoher ausbrechen wollen. Es war höchst aufregend, und sich hinzulegen kam höchstens einer Tarnung gleich. Diese war so perfekt inszeniert, dass wir allesamt selbst drauf hätten reinfallen können.

 

Die beiden großen, mit Stoff bezogen und mit umlaufenenden Lederriemen versehenen Koffer lagen aufgeklappt auf der Tagesdecke am Bett meiner Eltern. In der Garderobe fanden sich Badeutensilien für die Aufenthalte am Ufer des Chiemsees, und neben der Haustür stand die kitschig-bunte, nach PVC und Gummi riechende Kühltasche, deren fahlweiße Plastik-Trageschlaufen mit glänzenden Nieten befestigt waren. In ihr befanden sich Hohes C und BLUNA. Das waren für die damalige Zeit seltene Mehrausgaben, die das Besondere unterstrichen, denn es gab sie nur auf Urlaubsreisen oder an längeren Tagesfahrten.

Auf dem Schuhschrank lagen die Kamera, ein großes Taschenmesser mit schwarzen Hirschhornschalen, zwei leichte Strickjacken, ein dünner blauer Stoffbeutel mit Thermoskanne, Tassen und einem Imbiss für die Fahrt. Das alles sah ich jedesmal genau 1 mal pro Jahr, während ich schlafunwillig aus dem Bad Richtung Kinderzimmer schritt, um mich dann doch zu legen.


 

Irgendwann nachts, meine Schwester und ich hatten tatsächlich ein wenig Schlaf gefunden, wurden wir von unseren Eltern geweckt und im Halbschlaf auf den Arm genommen. Es war mein Vater, der mich raus trug zum Auto, in dem vor der hinteren Sitzbank die 2 Koffer standen, und das Ganze mit Decken zur Komfortliege parat gemacht worden war. Wohlgemerkt, wir Kinder reisten, den Schlaf fortsetzend, im Liegen. Kein Gurt, kein Airbag, keine Kopfstütze. Aber sowas hatten die Autos damals vorne auch alles nicht. Wir verließen klammheimlich unsere Einfahrt, unsere Strasse, unser Viertel, unsere Stadt.

 

Ich habe im Geiste immer versucht, möglichst lange die mir bekannten Strassen nachzuvollziehen, auf denen wir stadtauswärts fuhren. Wenn irgendwann die Stelle erreicht war, der ich keine Kurven, Abstände, markanten Punkte oder vertraute Gebäude mehr zuordnen konnte, wußte ich, wir sind unterwegs. Und wenn dann die eher schaukelige Fahrt durch die Vororte dem gleichmäßigen Brummen und Raunen des Autobahnasphalts gewichen war, konnte ich endlich sicher sein, dass es wirklich in Urlaub ging. Unsere Eltern schwiegen, oder sprachen dann sehr leise. Wahrscheinlich wegen uns, die ja schlafen sollten.


 

 

Im Reiseschlummer liegend, sah ich aus den Scheiben blinzelnd die nächtliche Szenerie nur ab oberhalb der unteren Fensterkante. Ich lag ja. Schemenhafte Wipfel der Bäume, die Plane eines überholten Lkw´s, leuchtende Tankstellenreklame, Mond und Sterne. Untermalt wurde dieser schlaftrunkene Reisecocktail durch das gleichförmige Motorbrummen der Simca 1501, durch das Geraschel beim Auspacken eines DEXTRO-Energen, durch den Duft von Thermoskannenkaffee oder den eines Erfrischungstuches. Alles war aromatisiert mit dieser Form von Geräuschen, Gerüchen und Urlaubsritualen, die so unverwechselbar und typisch jene Nachtfahrten prägten. Für uns gab´s ab und an ein vorab geschmiertes Brot, oder mal einen Riegel Kinderschokolade. Die Doppelkekse aus der Prinzenrolle blieben zwecks Vermeidung zu hohen Krümelaufkommens unter Verschluß. Die durften dann während der ersten langen Pause gegessen werden. Außerhalb der Simca. Gehalten wurde im ersten Licht immer am gleichen Rasthof. Blaue Stunde in Holledau. Aber bis dahin war noch ein Stück.

 

Wir lagen derweil mit den Köpfen nach jeweils links und rechts in die Decken gerollt. In der Mitte der Bank sortierten sich unsere vier Beine und Füße, die in den selbstgestrickten Socken von Oma Luise steckten. Und zwischen den Sitzen nach vorne lugend, sah ich im schwachgelben Licht eines prähistorischen Autoradios schemenhaft die Gesichter meiner Eltern, die von den Scheinwerfern entgegenkommender Autos erhellt, für kurze Momente deutlicher zu sehen waren. Ich sah ihr Lächeln, das sie sich gegenseitig aus den Augenwinkeln heraus schenkten, die Hand meiner Mutter auf dem Unterarm meines Vaters, und für einen Wimpernschlag schaute sie dann noch zufrieden nach hinten in den Halbschatten zu uns.

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