Beautiful Vision

 

 

Heute ist ein Tag, an dem mir eine schöne Vision in den Sinn gekommen ist. Fast so, als würde ich gedanklich verreisen. Nicht nach vorne oder hinten. Auch nicht zu fremden Ländern und ins Unbekannte. Ganz im Gegenteil, ich habe eine schöne Vision. Ich reise in die Tiefe,  ganz in der Nähe, hinein ins Magma des Denkens und Redens. Und jede meiner Reisen hat auch ihre ganz spezielle Musik. In meinem Ohr klingt diesmal ein besonderer Song, und eine einmalige Stimme.         Van Morrison, "Beautiful Vision".

6 Kommentare

 


 

 Wir lesen, hören, schreiben tagtäglich über´s Klima. Seit Wochen und Monaten schon. Und es stimmt, das Klima ist schlechter geworden. Vieles wird aufgezählt, manches wird geplant, einiges getan. Es kommt mir nur dabei in den Sinn, ob alles das, was da so gerade im Anbruch ist, der Sache überhaupt dienlich ist, und dem Problem ganzheitlich gerecht wird. Denn mindestens so schlecht, wie es um das Klima da draußen steht, mit all´ seinem Zeh-Oh-Zwei, genauso schlecht steht es auch um unser Klima. Um das Klima untereinander. Lokal, national, weltweit. Es ist darin ewas als konstant Wahrgenommenes Stück für Stück verloren gegangen, über dessen Folgen wir wahrscheinlch auch wieder erst nachzudenken beginnen, wenn es uns unmittelbar ans eigene Leder geht. Und wie so oft ist es dann wieder fünf vor zwölf. Oder schon drei nach.

 

 Aber wir reden und reden. Selbst die, die eigentlich nichts Konstruktives dazu sagen können, schweigen nicht. Alle plappern wild und laut umher. Wäre nicht unbedingt schlimm, aber es hört dazwischen auch kaum mehr jemand zu. Viel Gesprochenes geht im kollektiven Gebrüll unter, und wem das immer noch zu leise ist, läßt seinen Aggressionen auf andere Weise freien Lauf. Ist es eigentlich nicht so, dass wir Menschen unserer Umgebung und den Mitmenschen maximal so viel an Emotionen entgegenbringen können, wie wir damit uns selbst jeweils maximal zu versorgen in der Lage sind?

 Das würde Vieles erklären und notwendig erscheinen lassen. Vor allem eben, zu allererst immer auf sich selbst zu schauen. Kritisch, entwicklungswillig, demütig. Aber stattdessen wird ausgeteilt. Wir selbst, oder auch die Politiker, jeder macht es jedem tatgtäglich vor und nach. Oder es wird das unreflektiert übernommen, was sich dies-bezüglich im jeweiligen Umfeld etabliert hat. Die Erde brüllt sich fiebrig, jeder steckt jeden an, es herrscht eine epidemische Verbreitung, aber wenig Immunität. In dieser aufgerieben, neu aufgebrochenen Seite der Sprache steckt fürchterlich viel destruktives Potential. Nur alleine in der Sprache! Wir benehmen uns zugrunde. Denn wie wir reden, so denken wir, wie wir denken, so handeln wir, und wie wir handeln, so sind wir.

 

 Ich kann mich noch gut entsinnen, wie es damals war, wenn bei uns zuhause früher der Haussegen schief hing. Da wurde auch ausgeteilt. Meist verbal, und auch nicht immer diplomatisch und kindgerecht. Und wenn Opa die Worte fehlten, gab es auch gelegentlich einen pädagogisch motivierten, nonverbalen Klaps, der alles Reden einfror. Solche Momente waren schmerzlich. Aber in den Gesichtern lag trotzdessen keine Wut, keine Aggressivität, sondern situative Ohnmacht, Enttäuschung und Traurigkeit. Und auf seine Art war in dem ganzen Kurzzeitdrama jeder für sich darin bemüht, der Situation die Brisanz zu nehmen, den Konflikt zu entschärfen, einzulenken, sich reuevoll zu entschuldigen, und einfach möglichst nichts Überflüssiges zu sagen. Es mußte auch gar nichts ausgesprochen werden, um das an die Oberfläche zu holen, was unausgesprochen klar war:

 Wir brauchen uns, wir schätzen und achten uns, wir lieben uns. Und immer, wenn Schlafenszeit war, also bevor der erste ins Bett ging, herrschte wieder Frieden. Vorher legte sich niemand zur Ruhe. Niemals war das anders. Wir haben das unter uns so ausgemacht. Mit gütigen Blicken, einer ausgestreckten Hand, einem Lächeln, und mit sanften Worten. Sich so zu verhalten, das haben wir alle mal als "den guten Ton" angesehen.

 

 Einfach schweigen. Wenn man nichts zu sagen weiß, läßt man es besser. Dann tut Stille wirklich gut. Es geht auch überhaupt nicht darum, alles Gehörte, alle Meinungen und Strömungen zwingend verstehen oder kommentieren zu müssen. Akzeptanz, Toleranz und ein wenig Vertrauen und Geduld reichen oftmals aus. Es genügt, dann leise zu sein, wohlwollend zu nicken. In der Kraft stummer Gedanken und dem Bewußtsein von Zusammengehörigkeit liegt ein großer Segen.

 Wie friedvoll ein Augenblick doch erscheint, der nichts hat außer der Stille, die der atmosphärische Klang einer halblaut abgespielten Schallplatte erzeugen kann! Wenn es in allen großen und kleinen Diskussionen und Konflikten doch nur sprachlich gelänge, im rechten Moment verbal abzurüsten, sich den Charakter dieser Musik auf die Zunge zu legen, mit einem Schluck guten Weines zu umspülen, und dann bedacht zu reden...

 

Eine schöne Vision ist das.


2019 © DT-Classics



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Kommentare: 6
  • #1

    Tobi (Montag, 02 Dezember 2019 15:25)

    Feine Fotos, wunderbarer Text, und ein ehrvoller und schöner Ansatz, eine Kerze zu entzünden für die Menschlichkeit. Danke! Ich befürchte nur, dass die Masse derer, denen sowas ans Herz zu legen sinnvoll wäre, hier als Besucher deutlich in der Minderheit ist.

  • #2

    Dirk von DT-Classics (Dienstag, 03 Dezember 2019 06:27)

    Hallo Tobi,
    vielen herzlichen Dank für deinen Besuch und die Anerkennung!

  • #3

    Werner (Mittwoch, 04 Dezember 2019 10:51)

    Ein schöner Text, Dirk. Ja, da begegnen wir uns: Genau in diesen Momenten, mit dieser Musik (Oh ja: Van Morrison... hach!) und mit einem Glas Wein.
    Lass uns ruhig unterschiedlicher Meinung sein, aber lass uns drüber reden, gerne auch mal streiten. Aber lass uns dafür sorgen, dass wir als Freunde auseinandergehen. Im Wissen darum, dass wir uns brauchen.
    Danke für diesen Beitrag!
    Liebe Grüße,
    Werner

  • #4

    Dirk von DT-Classics (Mittwoch, 04 Dezember 2019 17:51)

    Lieber Werner,

    wie schön, dich hier zu lesen, freue mich sehr darüber, danke!
    Ich verstehe das, was ich mache, durchaus als Unterhaltung,
    aber da steckt das Wörtchen Haltung auch mit drin.
    Sich vor diesem Hintergrund ein wenig zu vernetzen, macht mir Mut.

    Herzlich, Dirk

  • #5

    Claire (Dienstag, 10 Dezember 2019 11:14)

    Abseits der (wenig) Sozialen Medien findet man unglaublich gute Sachen. Diese gesamte Webseite ist ohne Schminke, und hier im Blog liegen Schätze verborgen. Das hier ist ganz klar einer davon.
    Danke, C.

  • #6

    Matthias Rollnik (Dienstag, 10 Dezember 2019 17:17)

    Fast jeder kennt die Erfahrung. Hey, da ist jemand, der spricht / schreibt mir aus der Seele. Bei Dirk passiert mir das jedenfalls immer wieder. Im persönlichen Austausch als auch auf seiner Website.

    Ein im positiven Sinne nachdenklich stimmender Beitrag.

    Danke für soviel Feinsinn und die Impulse.

    Mögen noch viele weitere folgen.

    Mit adventlichen Grüßen

    Matthias Rollnik