Ein Schimmer Hoffnung


4 Kommentare //

 

 

Menschen schlagen Kragen hoch, die Blicke auf Asphalt,

lösen sich auf in grauer Häuserschlucht, in der der Regen widerhallt.

Schmutzig hängen feuchte Schleier an den Scheiben dieser Stadt

die von einem Tag zum anderen ihr Licht verloren hat.

 

Strassenlampen beugen sich, damit die Menschen sehen,

wo dunkle Wege enden, und graue Wände stehen.

Bäume ohne Kraft und Blätter bekommen ihren letzten Schnitt,

und der vom Sturm gekrümmte Regenschirm einen Tritt.

 

Regen, der hernieder geht, hält alles Kalte feucht,

und die Sonne hat geschworen, dass sie vor April nicht leucht´.

Rundumher Verschlossenheit, Fensterläden laden aus,

es gibt nur noch Eingangstüren, niemand kommt heraus.

 

Der alte Mann von nebenan, der legt den Riegel vor,

eventuell zum letzten Mal, kratzt sich hinter´m Ohr.

Schatten mir zu Angesicht, eisiger Hauch von jedermann,

alle ziehen sich zurück, das Jahr schreitet voran.

  1998 © D. Trampedach

 

 Das Jahr hat sich ein weiteres Mal gewunden, aufgerieben und gehäutet. Abgestreift liegt die bunte Haut des Herbstes aufgeweicht und mittlerweile fahl da ganz weit hinten im matschigen Laub. Und mit ihr ist die letzte Wärme gewichen, sind die frohen Farben verblichen, und auch das Licht knausert geizig mit sich selbst. Im Dunkeln gehen, im Dunkeln heim kommen. Dazwischen graue Tristesse. Ich schaue den Wassertropfen zu, wie sie sich mühsam halten, während sie an der Unterseite der blattlosen Zweige entlang rollen, um sich dann ins nasse Gras fallen zu lassen. Die Gedanken treiben mit den Nebelschwaden hin und her, lungern rum zwischen vermeint-lich Wichtigem und Belanglosigkeit. In den Strassen ergeben sich die Lichter dem Dunkel, und werfen sich auf den nassen, gläsern wirkenden Asphalt, der trotz allem noch dunkel wie feuchte Kohle ausgebreitet liegt. Ich sehe hochgeschlagene Kragen, windzerzauste Mäntel, und peitschenden Regen, der mein Blickfeld diagonal kreuzt.

 Einzig in den Fenstern entdecke ich überall kleine Lichter und tänzelnden Kerzenschein, der sich mutig nach draußen wagt, gemütlich und einladend wirkt. Da, wo Kerzen entzündet werden, ist es friedlich. Und es sind wieder viele. Viele sind dabei für sich. Ausgerechnet jetzt, in der mürbe machenden Dunkelzeit, in der Kälte und Zurück-gezogenheit, da setzen warme Lichter ein einladendes Zeichen. Aber wer besucht schon wen? Wer öffnet seine Türen tatsächlich? Und, für wen? Es ist eher eine grundsätzliche Bereitschaft, von der wir annehmen, sie tritt sowieso nicht ein, weil der Anlass, den wir nicht herbeiführen, erwartungsgemäß ausbleibt. Wer, außer denen, die sowieso ein und aus gehen, sollte denn schon kommen? Doch irgendwie gehört da mehr dazu. Zum Beispiel, nicht bloß zu warten. Stattdessen dahin gehen, wo keine Lichter leuchten. Ganz schön träge wirken wir, wenig offen, vielleicht sogar ängstlich. Aber wovor, bitte? Wir haben viel zu viel und nichts zu verlieren. Doch gegen kollektive Verschlossenheit und vorgelegte Riegel hat es eine einzelnes, kleines Licht schwer. Dabei gibt es viel zu Viele, die sich an ihren Hoffnungsschimmer klammern.


2019 © DT-Classics



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Kommentare: 4
  • #1

    Bellinghof (Freitag, 20 Dezember 2019 15:15)

    Sowas lese ich wirklich sehr gerne. Der Bogen inhaltlich gespannt über eine lange Zeit, und ein Bild erzeugt, das jeder kennt, aber doch für jeden anders wirkt. Den Text, wie auch das Foto, finde ich fantastisch in die Zeit platziert. Ich entwickle mich zum Stammleser, und freue mich, hier auch schreiben zu können. Danke für die Möglichkeit dazu!

  • #2

    Dirk von DT-Classics (Freitag, 20 Dezember 2019 15:24)

    Sowas lese ich auch sehr gerne ;-)
    Kleine Lichter weiterzureichen, hat schon immer mehr bewirkt, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Vielen herzlichen Dank dafür! Herzlich, Dirk

  • #3

    Peter Roskothen (Sonntag, 22 Dezember 2019 12:18)

    Ein wunderschöner Artikel, sehr gut geschrieben, Dirk. Mir gefallen Deine Gedanken und Deine Offenheit. Das Foto dazu passt gut. Ich war in Kalifornien, die haben da keine Jahreszeiten, sondern ausschließlich Sommer. Das ist auf Dauer auch nicht so toll. Aber diese Tristesse, die Du prima beschreibst ist ätzend und dauert gefühlte 9 Monate.

    Mir fällt auch noch auf, wie die Menschen vor Weihnachten mit verbisterten Minen einkaufen gehen. Ist da ein Zusammenhang von zu viel Wohlstand und dem totalen Armut der Seele? In Indien sind die Menschen viel glücklicher, viel ausgeglichener. Weniger Haben bringt also mehr Seele. Wir sind in Deutschland auf dem besten Weg in die seelische Armut. Das kann man den meisten Gesichtern ablesen. Achte mal darauf im Supermarkt...

  • #4

    Dirk von DT-Classics (Sonntag, 22 Dezember 2019 12:42)

    Lieber Peter,
    vielen herzlichen Dank für deine Zeilen. Das Schlimste, was ich überall sehe, ist Gleichgültigkeit. Die Herzlichkeit kommt uns irgendwie abhanden, und ich befürchte, dass das ansteckend ist. Im Grunde können wir viel mehr machen, als wir tatsächlich tun. Und wenn es nur bedeuten mag, freundlich, offen, und optimistisch zu sein. Wir haben da allen Grund zu.