Von Sinnen

 

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  Es ist eine erstaunliche Erkenntnis, die mich in jedem Winter heimsucht, und für die es in jedem Winter einer Weile bedarf, bis ich es realisiere:  Der Winter, wenn er mit Schee und Eis über dem Land liegt, entzieht der Welt ihre bunten Farben, vor allem aber auch die Gerüche. Alles ist dunkel oder hell, schwarz und weiß, und mit seiner bunten, freundlichen Lebendigkeit, die dem Winter abhanden kommt, ist auch jeglicher Duft verloren gegangen.

 

Winterstille im Dorf. Einzig die Holzkamine atmen ihren Duft aus.

 

  In allen anderen Jahreszeiten ist das anders. Da wechseln die Farben, und mit ihnen tauschen sich die jeweiligen Düfte und wolhtuenden Gerüche gegeneinander aus. Doch jetzt im Winter, da verschwinden sie allesamt. Nicht, dass ich sie vermissen würde, denn wonach sollte es so weit draußen schon riechen, gerade jetzt? Während der Hochtouren, bei Eis und Schnee, weit entrückt von dem, was riecht, dringen andere Dinge in die Sinne.

 

Unterwegs am "Keltenweg".

 

  Winter, in seiner farblichen Tristesse, in seinem olfaktorischen Vakuum, Winter ist unfassbar still. Leiser, als in Stunden voller Kälte, ohne Farben und Gerüche, kann es kaum sein. Alles ist still. Alles wartet und lauscht. Lauschen geht. Vor allem jetzt. Ohne Grundrauschen der Welt um mich herum vermag ich ganz gut zu lauschen. Und vielleicht ist es ja sogar der Sache dienlich, dabei nicht von so etwas wie einem Geruch abgelenkt zu sein.

 

Gefrorenes Holz und Eiszapfen riechen nach gar nichts.

 

  Gerüche sind intensiv, streng, aromatisch, lieblich, wohltuend, und vieles mehr. Ungebeten, und auch meist ohne eigenes Zutun, umgeben sie mich permanent. Und dann sind sie plötzlich für lange Zeit weg. Irgendwo, mitsamt der Farben hinter dem Horizont abgetaucht, nichts als Grautöne hinterlassend.

 

Modrige Stümpfe in eisiger Umklammerung.

 

  Mal nichts zu riechen, ist so ähnlich, wie in all´ dieser winterlichen Stille nichts zu hören. Die Aufmerksamkeit ist raus aus dem Einzelnen, nimmt unaufgeregt das Große wahr, was sonst kaum wahrnehmbar scheint. Die Nase einfach so im Wind, und schließe ich dann noch die Augen, entsteht etwas Einzigartiges. Keine Bilder, keine Düfte, keine Töne. Der Zauber liegt allerdings nicht in dem, was fehlt. Der Zauber liegt in dem, was sich darin ausbreitet. Das ist eine gewisse, sehr spezielle Art von Weite, und die ist plötzlich viel eher innen als außen. Das ist nicht die Weite, die ich sehen kann, sondern eine, die sich jetzt, in dieser Welt ohne Düfte, förmlich einatmen läßt.

 

Alle Fotos : FUJIFILM X-T2 // FUJINON XF 16mm F1.4 R WR // POL-Filter


  2020  ©  DT-Classics



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Kommentare: 5
  • #1

    Rolf Hollstein (Dienstag, 16 Februar 2021 17:35)

    Hallo + danke für die gelungene Mischung aus sehenswerten Schwarzweiß Bildern und einem schön dazu passsenden Text. Darüber, dass es im Winter bei Schnee und Eis nach nichts riecht, habe ich noch nie nachgedacht. Und darüber, dass das innen Platz schafft für Weite, auch nicht. Ich mag ihre Darstellung der Dinge sehr! MfG, R.H.

  • #2

    Dirk von DT-Classics (Dienstag, 16 Februar 2021 21:02)

    Lieber Herr Hollstein,

    es freut mich, sie immer mal wieder hier zu lesen, und ich bedanke mich für den wohlwollenden Blick auf meine Beiträge!

    Herzlich, Dirk Trampedach

  • #3

    Thilo Möller (Donnerstag, 18 Februar 2021 10:37)

    Der Text und die Bilder berühren mich sehr. Einfach nur schön.
    Danke dafür von einem T3 Bulli Freund aus dem Süden

  • #4

    Dirk von DT-Classics (Donnerstag, 18 Februar 2021 19:19)

    Herzlichen Dank für deine netten Zeilen,
    und einen freundlichen Gruß zurück... ;-)

  • #5

    Volker Breidenbach (Mittwoch, 24 Februar 2021 21:43)

    So sehr ich mich auch wieder auf ihre Reiseberichte und VW Bus Stories freue, genau solche Dinge wie das hier zeichnen ihre Seite im höchsten Maße aus. Bleiben sie ihrer Spur treu, die ist schon sehr besonders. LG, VB.