Nicht überall dunkel

 

6 Kommentare //

 

  Sich zu äußern, beinhaltet das Risiko, mißverstanden zu werden, und mit jedem weiteren Kreis, den man dabei zur Öffentlichkeit hin durchbricht, gibt man diesem Umstand mehr Gewicht. Sich äußern, das ist Schrift, Sprache, Musik, bildende Kunst, Fotografie, und einiges mehr. Und dort, wo sich Äußernde hinbegeben, sind nicht nur Hörende, Schauende, Lesende. Dort finden sich noch mehr Derer, die sich auch äußern.

 

FUJIFILM X-T2 mit PENTACON auto 2,8/29mm  ISO 200 / 1/75sec / f 4,5     (Selbstportrait)

 

 Aus sich heraustreten, sich mitteilen, ins Freie treten, und sich dem, was dann wird, in aller Konsequenz aussetzen, klingt erstmal nicht nach etwas, das erstrebenswert sein mag. Aber jeder, der ein Buch schreibt, tut es, jeder, der einen Song singt, tut es, und auch mit jedem veröffentlichten Foto äußern wir uns. Man gibt dem eigenen Lebenstil Raum. Es entsteht im Dunkeln, und dann kommt es ans Licht. Und exakt dort im Hellen könnten wir mißverstanden werden. Im Grunde ist es auch kein Mißverstehen, sondern eher eine unangemessene Mißdeutung.

Wie auch immer, es ist der Ort, an dem dann doch der Applaus losbricht, und man davon ausgeht, man würde von allen verstanden oder zumindest akzeptiert. Wenn Applaus auch sagen möchte, "Ich teile nicht deine Absicht, aber ich gebe dir die Bühne dafür", wäre der Applaus ein wahrer Segen. Aber was, wenn nicht? Macht das Mut, oder mittlerweile doch eher Angst?

 

 Sich zu äußern mag vor allem heißen, einen Standpunkt, eine Meinung, eine Überzeugung zu haben, mit der man nicht hinter´m Berg hält. Im Endeffekt gibt man sich in der Absicht eines Austausches zu erkennen. Ich denke nicht, dass das zwangsläufig darin münden wird, einhellig verstanden, geschweige denn, akzeptiert zu werden. Allzu leicht folgt dem Unverständnis ja auch die unweigerliche Wertezuordnung in die Schubladen A: richtig,  und B: falsch. Oder gut und schlecht. Dabei reicht es eigentlich, zu dem Ergebnis zu kommen, dem, der was äußert, einfach zuzuhören, und ihn und sich selbst besser zu erkennen.

 

 Von Verstehen reden wir da lange noch nicht. Es geht wohl eher, wie schon weiter oben angesprochen, um Akzeptanz. Oder eben auch um Toleranz. Es reicht demnach völlig, sich dem Bild hinzugeben, was sich zeigt. Und vielleicht gelingt es, offen zu lassen, ob man was damit anfangen kann, oder eben nicht. Nichts damit anfangen können, bedeutet nicht, dass es schlecht oder falsch ist. Es ist schlicht und ergreifend nicht das Passende. Und genau das nicht Passende, das darf sein.

 

 Sich gegenseitig die Freiheit zu nehmen, sich unbelastet und unbewertet zu äußern, nimmt aktuell deutlich mehr Raum ein, als es das uns allen gut tut. Diese um sich greifende "Wer-nicht-mit-uns-ist-ist-gegen-uns"-Mentalität", in der es immer seltener in einem Kompromiss mündet, verbindet nicht mehr, und hat es auch noch nie.

 Es darf scheinbar nur noch die Extreme der scharf begrenzten Außenbereiche geben. Und dann stehen sie da auf dem schmalen Grat irgendwelcher selbstinszenierten Ränder, schreien ihre einzigen Wahrheiten umher, und warten auf das Echo, was hohl aus der leeren Mitte zurückhallt. Doch das ist und bleibt nur der Widerhall der eigenen Gedanken, Worte, Absichten und Schreie.

 

Sich zu äußern, ist der Schritt aus dem Dunkeln ins Licht. Dort, wo jeder jeden sieht, dort, wo sie sich begegnen, aufeinander zugehen, und sich treffen. In der Mitte am besten. Doch es äußern sich immer weniger Leute, deren Meinung unbequem, deren Standpunkt einsam, und deren Überzeugung nicht die der Masse ist. Immer weniger coole Typen und spannende Denker treten hervor. Und die Protestsong-Poeten verweilen scheinbar alle nur noch im Dunkeln. Zustimmung oder Schweigen sind nicht die einzigen zwei Möglichkeiten, die geblieben sind!

 

Es ist längst nicht überall dunkel, doch es gibt Tage, da sind die Schatten einfach länger...

 

Denkt nicht mal dran, ich bekomme da nix für...


2021  ©  DT-Classics



Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Werner (Freitag, 21 Mai 2021 12:45)

    Ist das Internet (und Social Media) nun Fluch oder Segen? - Das Phänomen, was du trefflich beschreibst, hat viel mit unserer "Kommunikation" über dieses Medium zu tun: Schnell ist was gepostet, geliked, getwittert: mobil vom Smartphone beim Spazierengehen. Da wird nicht mehr überlegt und kaum mehr reflektiert. Und schon ist sie da die Auseinandersetzung. Und leider viel zu oft türenschließend, laut und voller Wut. Das ist und kann keine Basis für Diskussion oder Diskurs sein.
    Danke für deine Gedanken.

    Ich halte es gerne damit:
    "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen". - Worte unseres lieben Goethe.
    Ein schönes Pfingsfest wünsche ich dir

    Liebe Grüße,
    Werner

  • #2

    Dirk von DT-Classics (Freitag, 21 Mai 2021 22:32)

    Ja, der Satz, der hat was ewig Gültiges, echt stark.
    Pfingsten, und seine Geschichte dazu, sind auch eine gute Parallele zu diesen Dingen.
    Alle palavern, keiner versteht keinen...bis dann doch das Unfassbare geschieht.

    Herzlichen Dank, Werner, dass du auch was hier gelassen hast!

    Liebe Grüße, Dirk

  • #3

    timo.kassel (Samstag, 22 Mai 2021 19:45)

    Das Foto ist ja der Hammer! Und ein schöner Text dazu, klasse.
    Die Politiker machen es uns ja tagtäglich vor, wie man besser nicht miteinender umgeht.
    Von wegen, gutes Beispiel und so, daher braucht sich niemand wundern. Da ist es gut, ab und zu über einen solchen Beitrag zu stolpern, der zum Nachdenken, und bestenfalls Nachmachen anregt.

  • #4

    Dirk von DT-Classics (Sonntag, 23 Mai 2021 14:53)

    Für den Kommentar bedanke ich mich recht herzlich,
    und auch für dessen konstruktiven Hintergrund!

    LG, Dirk

  • #5

    Lars Rickl (Dienstag, 01 Juni 2021 11:32)

    Ein tolles Foto, trefflich betextet, und die versteckte Hommage an den 80 Jahre alt gewordenen Bob Dylan ist schön dezent eingewoben. Hut ab, und einen Gruß! LR

  • #6

    Dirk von DT-Classics (Dienstag, 01 Juni 2021 18:04)

    Lieben Dank für die netten Zeilen!

    Seinen Geburtstag hatte ich gar nicht explizit im Blick. Aber Bob Dylan hat ein paar für mich gute Songs geschrieben, dieser zählt dazu. Ich mag nur seine Stimme nicht. Als Metapher für diesen Text gefällt mir das in Form der Cover-Version deutlich besser...

    Herzlich, Dirk