Roadtrip: Im Klassiker nach Frankfurt

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   Ein Roadtrip mit stundenlangen Etappen von A nach B, und dazwischen das große, ablenkungsfreie Nichts, ist eine reizvolle Sache. Ich mag das sehr, alleine, und im Singsang hintergründiger Fahrgeräusche, länger durch Raum, Zeit, und Landschaft zu gleiten. Es ist dabei weniger wichtig, wie lange diese Touren und Roadtrips sind. Lang ist ja auch relativ. Aber Roadtrips, die so sind, wie sie sein sollen, umgeben mich immer mit dieser ganz speziellen Melange aus melancholischer Monotonie, und dem Esprit des Unbekannten.

 

   Hier, im hessischen Hinterland, bin ich heute mit meiner grazilen Lieblingsfranzösin unterwegs. Im Klassiker nach Frankfurt, und das auf Nebenstrecken. Eine Stadt, zwei Termine, diesmal bei Schnee, Kälte, und trüber Tristesse. Egal, wenn man im richtigen Fahrzeug sitzt. Und da Russisches Roulette mittlerweile weniger Risiken birgt, als der Versuch, mit der Deutschen Bahn von A nach B zu gelangen, nehme ich heute das 306er Cabriolet, und das gerne.

 

   Anhalten mag ich. Einfach mal so anhalten. Schauen, wo ich noch nie geschaut habe, ein paar Fotos machen, Eindrücke und Emotionen zum Bild werden lassen. Und oftmals reicht mir dazu, diese aus der Zeit gefallene, automobile Ikone einfach zu geniessen, wie sie da so steht. Da herrscht dann keine Diskrepanz mehr zwischen Empfindungen und Realität. Perfekt, wenn es noch gelingt, mich richtig weit wegzudenken. Lahntal ist dann Rhonetal. Einzig die Differenz von mindestes 20 Grad Celsius machen den Unterschied. In Gedanken spiele ich die Handgriffe durch, um das Verdeck zu öffnen. Schöne Illusion, wäre es doch nur schon Sommer.

 

 

 Man, was habe ich geschimpf:

 

"Herr, schütze uns vor Sturm und Wind, und Autos, die aus Frankreich sind"...!

 

   So lautete mein faktenreduziertes Stoßgebet über lange Zeit. Heute weiß ich´s besser. Reumütig, und wenn keiner zuschaut breit grinsend, sitze ich nun seit fast 3 Jahren in diesem zuverlässigen, höchst sparsamen, wunderbaren Alltagsgefährt. Vive La France! Es ist herrlich, ich fahre ein 26 Jahre altes Pininfarina Cabriolet, und das tagtäglich! Jepp, ich kenne die Kontra-Argumente nur zu gut. Nicht zuletzt bei meinem VW Bus setze ich sie ja auch um.

 

   Aber mit irgendwas muss ich halt fahren. Dann doch bitteschön klassisch. Ich habe auch noch nie verstanden, warum Leute, die nur mal ab und an mit ihrem wertvollen Oldtimer fahren, die restlichen 99% Autokilometer in langweiligen, schnöden Schlurren durch die Gegend zuckeln. Ich mag es, im Automobil unterwegs zu sein, und das stilvoll, mit richtig Spass an der Backe. Schöne Autos gehören nicht in den Setzkasten, sondern auf die Straße. Dafür sind sie nunmal gemacht. Und vielleicht sind sie gemacht für so Typen, wie ich einer bin. Ein Typ, der Schöneres weiß, als sich in den Fiat Multiplas, den Opel Corsas, den Nissan Jukes, oder in anderen Kisten dieser Zeit, die Straßen entlang zu schämen. Der Besitzer dieses herrlichen VW-Klassikers, den ich leider nicht persönlich antreffe, mag ziemlich ähnlich denken.

 

Einen persönlichen, ganz herzlichen Gruß an dieser Stelle, verehrter Unbekannter,

bei Interesse (SHOWTIMER!) bitte gerne melden, und auch das Foto sende ich selbstverständlich zu.

 

   Es ist immer wieder erstaunlich, wie leicht und behände sich ältere Fahrzeuge bewegen lassen, und dass mit einer Motorleistung, die man nach heutigen Maßstäben fast schon als mittelmäßig bezeichnen mag. Für diesen 1.8er Vierventiler mit der Bezeichnung L6A (XU7 JP) mag damals für Leistung das einfache Motto gegolten haben, „Hauptsache, 3-stellig“. Die 101 PS reichen jedenfalls, um Fahrfreude pur zuzulassen. Völlig unnötig sind dafür Geschwindigkeiten, die den flachen Franzosen an die mir bis dato unbekannte Höchstgeschwindigkeit treiben. Ich mag es viel mehr, bei 100-130 völlig unangestrengt Meter zu machen, oder wie heute, mit entsprechend weniger Speed, auf mir unbekannten Landstraßen zu cruisen.

 

 

    Seltsam ist, in der Gegenwart unterwegs zu sein, und das immer im selben Gefühl, das ich schon in den 80er Jahren hatte. Scheinbar altert rundherum alles, nur diese inneren Zustände nicht. Leicht wirkt alles, ungebunden und frei. Dieses Unkomplizierte, das ist es. An Tagen wie diesen, in denen es normal zu sein scheint, in gehetzter Manier die Strecken zu bewältigen, um dann genauso rapide irgendwelchem Kosum zu frönen, hat selbst ein Tages-Roadtrip etwas höchst Meditatives. Streng genommen stellt ein Roadtrip eine Form von Freiheitserlebnis dar, wie es nur noch wenige gibt.

 

 

   Alleine mit mir unterwegs zu sein, bei einer Fahrt auf unbekannten Straßen, zwingt mich, das Land rundherum mit anderen Augen zu sehen. Auch das ist völlig einfach. Hinsehen und wirken lassen genügt. Gut tut das. Mir ist schleierhaft, wie kompliziert es scheinbar zu sein hat, etwas "für sich" zu tun. Ich lese ständig in Zeitungen oder online, wie das am besten zu gehen hat. Yoga-Kurse, Meditationstrainings, Aufmerksamkeitskurse, und dann mit Vollgas hin zum ultimativen Mindfulness. Schöne, gestresste Entspannungswelten. Was man stattdessen auch machen könnte, wäre ein Roadtrip. Das geht ganz einfach, auch in klein, und wirkt sofort.

 

 

   Hier oben, an der ungeräumten, winterlichen "Hohen Straße", irgendwo zwischen Büdingen und Bergen-Enkheim, fällt der Blick weit runter in das winterlich trübe Maintal. Erhaben und fast schon unwirklich, im Hintergrund die Skyline von Frankfurt. Alleine solche Momente voller Erhabenheit entfalten so viel des Außergewöhnlichen, dass sich die Frage, warum man so einen Roadtrip machen sollte, wie von selbst beantwortet:

 

                                                                        Weil es überhaupt keinen Grund gibt, es nicht zu tun.

 


2023 © DT-Classics

 



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Kommentare: 6
  • #1

    Fred (Sonntag, 22 Januar 2023 20:20)

    Einzigartig, die Bilderstory, wie auch überhaupt, mit einem so seltenen Auto eine Fahrt im Winter zu machen. Regt zum Denken an, und auch zum Nachmachen.

  • #2

    Dirk von DT-Classics (Montag, 23 Januar 2023 06:19)

    Hallo Fred, das kann ich nur unterstützen, unbedingt nachmachen ;-)

    LG, Dirk

  • #3

    Werner (Montag, 23 Januar 2023 09:18)

    Hallo Dirk,
    du hast eigentlich alles gesagt. Wunderschön!
    (Kennst du eigentlich das hier: https://bundesstrasse3.de/b3-autos-und-geschichten/ ? Dazu gibt es auch einen wunderbaren Bildband.

    Liebe Grüße,
    Werner

  • #4

    Dirk von DT-Classics (Montag, 23 Januar 2023 11:03)

    Lieber Werner,

    immer wieder schön, Dich hier zu lesen, vielen Dank fürs Interesse!

    Das verlinkte Buch von dir ist mir bekannt, ich besitze das sogar auch. Ein wahrhaftiger Schatz für Auto-Romantiker... :-)

    Herzliche Grüße in den Kraichgau!

  • #5

    T3Fan (Mittwoch, 25 Januar 2023 11:42)

    Road Trips finde ich auch cool. Die Gedanken etc dazu kann ich perfekt verstehen. Mir geht das ähnlich. Obwohl ich auch oft in neueren Autos lange Strecken fahre, kommt des wirklich Feeling aber nur im Bus oder anderen alten Autos auf. Auf Berichte zu Bullireisen freue ich mich schon!

  • #6

    Dirk von DT-Classics (Mittwoch, 25 Januar 2023 20:37)

    Jau, die Bulli-Touren samt Beiträgen werden folgen, ich bin mindestens so gespannt, wie Du.
    Und danke fürs Reinschauen!

    LG, Dirk