- Ein Leben rund um den VW Bus T3 -

 

in Fotografie & Geschichten

 


Köln/Rodenkirchen - Im VW T3 WESTFALIA Club Joker an die Riviera

 

11 Kommentare //

 

 Leute, die vorfreudig feuchte Augen bekommen, wenn sie wissen, es geht wieder auf Tour im VW Bus, sind allesamt Romantiker, Träumer und Schwärmer. Und wer es nicht wissen sollte, der weiß es jetzt, ich bin einer von ihnen. Im alten Bulli auf Reisen zu sein, ist eine ziemlich coole, vor allem aber, eine ziemlich emotionale Sache. Denn abgesehen vom entschleunigten Unterwegssein und der unmittelbaren Freiheit, steckt auch immer dieses geheimnisvolle Etwas darin. Geheimnisvoll, weil sehr wenig geplant ist, und sehr viel Unbekanntes passieren mag. Den großen Rest regelt das Leben auf Tour.

 

 Meine allerliebsten Reisebegleiter haben ihre Busse längst eingemottet. Irgendwie bin ich diesmal zu dieser späten Zeit übrig geblieben. An unvermeidbarem Stillstand bei Schnee, Eis und Salz sehe ich zwar auch mich nicht vorbeikommen, aber noch geht´s. Und bevor mich schon jetzt der Winter-Blues packt, zählt jede Gelegenheit. Mit einem Zeitkontingent von nur 2 Nächten ist es leider nicht machbar, Ende November soweit fahren zu können, um dem schmuddeligen Herbstwetter vollends zu entfliehen. Ich merke aber zusehends, wie die feuchte Kälte in mich reingrabbelt, und die diesige Luft wohl daran Schuld haben mag, dass mich Denken + Schauen anstrengt. Einfach nochmal raus, ich will es gar nicht Abenteuer nennen, aber meiner Stimmung nach ist es an der Zeit. Habe ich doch seit Wochen nicht für einen einzigen Kilometer im Camper gesessen.

 

 Und so mache ich mich im angedunkelten Freitagnachmittag auf den Weg. Die Sonne ist fast schon weg, und die Dämmerung kommt schneller daher, als ich fahren kann. Dann weisen mir nur noch die Scheinwerfer die Spur in den frühen Abend. Doch noch ist Licht, es ist nicht mehr viel los hier auf meiner Seite am Highway No. 4 durchs Bergische Land.

 

Köln/Rodenkirchen - Im VW T3 WESTFALIA Club Joker

VW T3 WESTFALIA Club Joker, Cockpit
VW T3 WESTFALIA Club Joker, A4, Bergisches Land

 

 Bei der Recherche nach einem lohnenden Ziel im 100-Kilometer-Radius bin ich über die Riviera gestolpert. Das klingt ziemlich nach Sonne und lässiger Manier, und ich wollte schon immer an die Riviera. Gemeint ist diesmal aber nicht der italienisch-französische Küstenabschnitt am Ligurischen Meer, sondern der mir bislang unbekannte, gleichnamige Bereich bei Rodenkirchen am Rhein, Flußkilometer 681! Hinzu kommt, dass genau dort der älteste Campingplatz Deutschlands zu finden ist. Eine verheißungsvolle Mischung.

 

 "Camping Berger - Köln". Wo ursprünglich nur ein altes Bootshaus stand, an dem Kanuten während ihrer Flussreise anlegten, gründete Jakob Berger 1931 diesen Campingplatz. Ich habe vorab die beiden Nächte reserviert. Zum Glück, der Platz ist tatsächlich rappelvoll. Die Freude des Herrn an der Rezeption, als ich bei der Anmeldung bzgl. Fahrzeug "Alter VW Bus" sage, ist offensichtlich.Wie zu erwarten, ist mein WESTFALIA Club Joker nicht nur das älteste Fahrzeug am Platz, sondern auch mal wieder das kleinste. Und VW Bus, den kennt man eben.

 

 Vieles hat sich beim Camping seit 1931 verändert. Die Fahrzeuge wurden neuer und moderner, vor allem aber wurden sie größer, und die Idee des einfachen Reisens ohne Aufwand ist längst überholt. Geblieben aber ist an solchen Orten wie diesem hier der Charme der guten, alten Zeit, den dieses Eckchen nach wie vor verströmt, hier im scharfen Bogen des Rheins bei Kilometer 681. "Ja sicher, gerne, Platz ROT-12 für Dich", sagt schmunzelnd der Mann an der Rezeption. Auf mein Bitten hin bekomme ich einen Stellplatz in erster Reihe, direkt am Rhein.

 

Köln/Rodenkirchen - Im VW T3 WESTFALIA Club Joker

 

"ROT-12", erste Reihe, von der Spitze der Buhne aus gesehen.

Das Dach ist hochgeklappt, der ISO-Balg angelegt. Innen warm, trocken, wind-& wetterfest.

Der funktionale Vorteil überwiegt bei solchen Touren vor der Optik, die der einer Folienkartoffel ähnelt.

 

VW T3 WESTFALIA Club Joker, Campingplatz nachts
VW T3 WESTFALIA Club Joker, Camping Berger, Köln Rodenkirchen

 

 Paris bei Nacht, London bei Nacht, Köln bei Nacht. Alles gut und schön. Es ist früh dunkel. Das präzise Gefühl für Uhrzeiten schwindet. Was sich nach 23 Uhr anfühlt, ist in Wirklichkeit gerade mal 19:00h. Ich schließe den Bulli ab, mache mich auf den Weg, Rodenkirchen bei Nacht. Der Uhrzeit nach ist es ja noch früh am Tag, aber es ist kaum noch jemand zu sehen. 2 Gründe fallen mir ein. Entweder, die Leute sitzen alle in ihren Wohnungen am warmen Ofen, schauen fern, oder sonstwas, oder aber sie stehen alle auf einem der zig Weihnachtsmärkte, die Köln zu bieten hat. Je länger ich drüber nachdenke, um so schlüssiger klingt mir das. Wo sonst sollten alle die Besitzer der riesigen Wohnmobile sein, die hier dunkel und verlassen am Platz stehen?

 

 Auf den Uferwegen begebe ich mich nordwärts dem Fluss hinterher. Immer noch fahren Schiffe. Kapitäne von Binnenschiffen kennen Pausenzeiten wahrscheinlich weder an Wochenende, und auch nicht in der Dunkelheit. Richtig cool sind jedenfalls die Bootshäuser, in denen Gastronomie, Kneipen, Cafés untergebracht sind. Mit ihrer Beleuchtung scheint auch von dort ein Licht herüber, dass eher den Zeiten entspringt, in denen man in rührseliger Sentimentalität ganze Nächte zusammen verbringen konnte, ohne was zu vermissen.

 

Das warme Licht der Gastfreundschaft, hier nachts am Bootshaus in Rodenkirchen.

 

 Es kommt nicht selten vor, dass sich bestimmte Stadtteile an den Rändern von Großstädten eine Urtümlichkeit erhalten haben, die in den für Touristen und Kaufrauschige inszenierten Stadtzentren völlig verloren gegangen ist. An den Rändern des Ruhrgebiets finden sie sich, vor den Toren vieler Großstädte sind sie noch, und rund um Köln ebenfalls. Rodenkirchen ist auch so ein Ort mit kernigem Flair, an dem die Zeit sicher nicht stehen geblieben ist, aber die Uhren weniger schnell zu ticken scheinen.

 

 Für Orte, wo ich noch nie war, lohnt es sich kaum, einen Plan zu machen. Es ist eh alles neu und unbekannt. Kalt ist es, lange stehenbleiben ist wenig erbauend, daher schlendere ich durch die Gassen, und verschaffe mir einen ersten Eindruck abseits der Top-Ten-Touristen-Hotspots.

 

Im VW T3 WESTFALIA Club Joker an die Riviera.
Köln-Rodenkirchen - Altstadt.

 

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 Eine gute halbe Stunde benötige ich, um die Distanz Campingplatz - Ortsmitte Rodenkirchen zu bewältigen. Zurück dasselbe. Zuzüglich der Zeit vor Ort, mit Schauen, Gehen, Fotografieren, vergehen schnell die Stunden. Ich merk´s vor allem an den Händen, wie kalt es mittlerweile ist. Am Rückweg freue ich mich schon drauf, gleich in der Rundsitzecke (...die genau genommen L-Sitzgruppe heißt...), eine hopfig-frische Flasche Bier zu trinken, während mir die Standheizung die Füße wärmt. Alles Sachen, die auf Reisen im Sommer keine Rolle spielen.

 

 Und es ist schon spassig, über was für Dinge man sich doch freuen kann! Meine fast 40 Jahre alte Schiebetür gleitet seit neustem auf einem Satz feinster Flüsterrollen. Freuen wird das Ergebnis nicht nur mich alleine, da bin ich sicher. Die sonst eher laut rumpelnde Tür, mit entsprechend engagiertem Schwung geschlossen, hat garantiert manch´ dösenden Nachbarn aus den Karo-Polstern hüpfen lassen, und auch die Nachbarn hier werden merken, nichts zu merken. Ich geniesse es, wie es jetzt ist. Leise, säuselig, und irgendwie edler.

 

 Gewohnheiten auf die Schnelle abschütteln ist eher schwierig. Sehr früh weckt mich der innere Wecker. Bei der Kürze des Tageslichts ist das gar nicht so blöd. Im Schlafsack liegend, denke ich noch drüber nach, wie sich das anhören mag: Ende November, im VW Bus für 2 Nächte an die Riviera. Dann verbreitet sich das Aroma frischen Kaffees im Wageninneren, frischer Toast, gute Butter, selbst gemachte Marmelade, dazu eine eine Kiwi. Dann noch die Kamera checken, vor allem die Akkus in die Hosentasche. Bei den niedrigen Temperaturen haben die hinten im Fotorucksack nur ein kurzes Leben. Nix wie raus jetzt, mal schauen, ob sich was finden lässt, das nach Riviera aussieht.

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 "Alte Liebe",tja, auch diese Bezeichnung klingt ur-romantsich, und ich mag meinen Blick gar nicht abwenden von dem schwimmenden Unikat. Auf kurzer Distanz finden sich hier einige dieser Bootshäuser. Ein jedes hat einen Namen, der nach etwas Schönem klingt. Auf eine Art sind es doch immer die Orte und Plätze, mit denen wir etwas Schönes verbinden, denen wir so Namen geben. Und dann überkommt mich der Gedanke, dass es eine seltsame Sache ist, ein Haus zu bauen, dass in Wahrheit ein Boot ist, um es dann für alle Zeit an einen einzigen Platz zu ketten.

                                                                                                                                 

Köln/Rodenkirchen - Im VW T3 WESTFALIA Club Joker

Unterwegs im VW T3 WESTFALIA Club Joker, Kölner Riviera
Köln-Rodenkirchen, Alte Liebe

 

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 Es ist kalt, früh dunkel, der Bus ist klein. In Mischung klingt das fast schon nach Opfer-Tour. Und doch, dieses Reisen ist Luxus. Reisen im klassichen VW Bus ist eine luxuriöse, abenteuerliche Angelegenheit. Das fängt schon damit an, sich wirklich auf´s Nötigste zu beschränken. Minimalismus ist Luxus!

 

 Was im Sommer gilt, verschärft sich in der winterlichen Kälte. Alles, was ich am Camper benutze, bewege, wirkt schwerfälliger, als im Sommer. Scharniere, Türschlösser, selbst der Scheibenwischer scheint sich träger zu bewegen, als bei 25 Grad. Und auch Kaltstart ist ein Thema. Noch behutsamer, als sonst, möchte die Technik warmgefahren werden. Hinzu kommt ja auch, dass wir ältere Busse mit Aggregaten bewegen, die keine grenzenlose Leistung aufweisen. Üppige Reserven gibt es nicht. Ein wenig scheint es, als müsse der Landschaft jeder Kilometer abgerungen werden, vor allem an Steigungen.

 

 Steigungen werde ich heute allerdings charmant umgehen (-fahren!). Was ich total mag, sind die Plätze, an denen man unmittelbar ans Wasser gelangt. Seltsamerweise sind die an deutschen Flüssen entweder gesperrt, oder nur per Parkticket befahrbar, oder nur für Privilegierte offen. Und im Sommer ist die Suche völlig sinnlos. Alles voll!

 

Kälte und langes Stehen ist heute keine gute Mischung. Egal, ich fahre auf den Platz, der so ist, wie ich mag.

 

VW T3 WESTFALIA Club Joker, Binnenschiff am Rhein
VW T3 WESTFALIA Club Joker, Rhein, Köln

 

 Scheinbar bin ich nicht der Einzige, der zu dieser Jahreszeit einem Platz wie diesem etwas Schönes abgewinnen kann. Und ja, es ist auch ein VW Bus. Was auch sonst. Es ist noch früh, der graue Bulli mit seinen beschlagenen Scheiben wird sicher seit gestern Abend hier stehen. Unbekannte Bullifahrer auf unbekannter Tour.

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 Sentimentalität ist das Grundgefühl dieser zwei Tage. Je stiller es ist, umso leichter steigt sie in mir auf, diese rührselige Gemütsverfassung. Es ist spät im November, spät im Jahr, und ich bin noch auf Achse im beinahe 40 Jahren alten WESTFALIA Bus. So, als wäre es das Normalste der Welt. Und ja, liebe Leute, das ist es auch! Zumindest für mich. Ich weiß nicht, wie eine Alternative dazu aussehen könnte. Wahrscheinlich gibt es sie auch gar nicht. Das könnte bedeuten, stehengeblieben zu sein. Stehengeblieben an irgendeiner Stelle, wo angeblicher Fortschritt ohne erkennbare Verbesserungen einherging.

 

 Aber was heißt schon, "stehengeblieben"? Es ist zwar spät im November, doch die Räder des besten Autos der Welt drehen sich noch. Und auch der alte Vater Rhein denkt längst noch nicht ans Stehenbleiben. Ein leichtes Fauchen dringt aus der Schiebetür nach draußen zu mir, das Wasser kocht. Zeit für einen letzten Kaffee hier am Fluss, bevor es gleich heim geht.

 

VW T3 WESTFALIA Club Joker, Parkplatz am Rhein
VW T3 WESTFALIA Club Joker, Rast vor der offenen Schiebetür

2022 © DT-Classics



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Kommentare: 11
  • #1

    Rob Kloos (Dienstag, 29 November 2022 16:49)

    Klasse, klasse, einzig die dicken Klamotten und die wenigen Leute lassen auf maximale Nebensaison schließen. Ansonsten sieht das Wetter gar nicht nach November aus. Schöne Fotos auch, und danke!

    Meint, Der Rob

  • #2

    Dirk von DT-Classics (Mittwoch, 30 November 2022 06:12)

    Hallo Rob,

    freut mich, wenns gefallen hat, herzl. Grüße!

  • #3

    T3Toni (Donnerstag, 01 Dezember 2022 20:37)

    Hallo, auch ich gehöre zu den Warmduschern, mein Bulli steht seit 1.11. dank Saisonkennzeichen gezwungener Maßen im Schuppen. Aber schön zu sehen, dass das auch anders geht, und etwas Neid kommt schon auf dabei. Danke für die Idee zu diesem Abschnitt am Rhein, war mir derart bisher unbekannt. Liebe Grüße, Toni

  • #4

    Dirk von DT-Classics (Donnerstag, 01 Dezember 2022 21:32)

    Hi Toni,

    danke dir fürs Reinschauen!
    Neid will ich keinesfalls auslösen, ich fahre auch bevorzugt bei Sommerwetter... ;-)

  • #5

    Rolf Hollstein (Mittwoch, 07 Dezember 2022 10:38)

    Toll, jetzt noch unterwegs! Schönes Beispiel dafür, was machbar ist, wenn man denn offen genug ist. Diese Busse sind schon was feines. Liebe Grüße, Rolf Hollstein

  • #6

    Rechtslenker (Dienstag, 13 Dezember 2022 15:27)

    Top gemacht, einfach packen und ab dafür. Ich bin auch noch im J7 unterwegs gewesen, da wird es bei Schnee ja erst so richtig schön. Die Fotos sind ziemlich stark geraten. Bleib sauber :-)

  • #7

    Dirk von DT-Classics (Dienstag, 13 Dezember 2022 18:17)

    Auch ihnen, Herr Hollstein; Rechtslenker,

    danke ich für die Zeit und Muse, hier einen Kommentar zu hinterlassen.
    Mich freut das sehr!

    LG, Dirk

  • #8

    Falk (Dienstag, 20 Dezember 2022 08:22)

    Hallo Dirk,

    danke für diesen schönen Beitrag! Es hat mir Spaß gemacht zu lesen, die Bilder zu betrachten und dabei an das nun endende Jahr zu denken!

    Viele Grüße aus Dresden,
    Falk

  • #9

    Dirk von DT-Classics (Dienstag, 20 Dezember 2022 08:38)

    Hallo Falk,

    Danke dir für deinen Eintrag! Freut mich, aus der Region sind sonst eher weniger Besucher hier, klasse Sache.
    Komm gut durch den Winter, liebe Grüße nach Dresden!

  • #10

    JottX (Donnerstag, 22 Dezember 2022 10:38)

    Das Licht in den Fotos und die Stimmung im Text haben eine schöne Melancholie, die sich an heißen Sommertagen kaum einstellt. Mir gefällt sowas gut.

  • #11

    Dirk von DT-Classics (Donnerstag, 22 Dezember 2022 16:54)

    Das kann ich bestätigen.
    Hochsommer und Hitze sind weniger melancholisch, als es an den beiden Tagen spät im Jahr war.
    Danke für den Eintrag, alles Gute,
    Dirk