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Das große Glück der kleinen Dinge

Die letzten Tage waren stressig, die Menschen um mich herum teils anstrengend, Zeit pauschal knapp, und wenn es welche gegeben hätte, in der für irgendwas Raum geblieben wäre, habe ich sie wohl übersehen oder verpaßt.

Aber dann paßte alles, endlich ohne großen Aufwand raus, also los!

Es ist morgens kurz vor Sonnenaufgang, und der ist zur Zeit noch knackig früh.

Kurz schütteln..grrr, einsteigen, Fahrertür zu, der Boxer läßt sich nicht lange bitten. Die noch stillen Sträßchen unserer Siedlung hinter mir lassend, lenke ich den Bulli mitteltourig den Höhen entgegen.

 

 

Die Strecken, die Strassen, die Örtlichkeiten und Landschaften, ich kenne sie wie meine Westentasche. Das Sensationelle daran liegt in der Vertrautheit mit allem. In nichts zeigt sich ein mühsamer Aufwand, es ist ganz einfach. Das jetzt hier und so zu tun, bedarf tatsächlich nur, dem Wunsch nachzugeben, es jetzt und hier zu tun. Heimatliche Gefilde, Land meines Ursprungs, Berge, Täler, Wälder, Wiesen, die Dörfer und verträumten Strassen, wenn man sie dann kennt, alles liegt vor mir. Tief hat sich mein Wurzelwerk über Jahrzehnte in alles Vorgefundene eingegraben, und ebenso vertraut ist es, mit dem T3 hier unterwegs zu sein.

Schon spannend festzustellen, wie sich in mir selbst das Empfinden dazu mit der Zeit wandelt. Denn früher war das - normal. Hier zu leben, das war halt so. Hatte ich mir nicht ausgesucht, nicht gewünscht, nicht herbeigeführt.

Und auch die ersten Jahre, in denen ich hier per Auto fuhr, waren ähnlich geprägt. Es war einfach so. Aufregend war das Fahren, weniger das Wo! Unaufregend, unspektakulär, durchaus bewußt zwar, aber fast auch normal. Heute ist das anders. Es ist außergewöhnlich!   

 

 

 

 

 

Die Gegend, meine Stimmung, und dann genau hier in diesem Fahrzeug unterwegs zu sein, ist ein echtes Privileg.

 

Total der Hammer, abseits von Großstädten, Hektik und Lärm genau hier, in der südwestfälischen, immer noch sehr ursprünglichen Gegend des Siegerlandes leben zu dürfen.

Markant und erhaben zieht sich der Rothaarkamm am Scheitel der Gegend durch das Land. Auf ihm verläuft der Rothaarsteig, Premium-Fernwanderweg erster Güte. Sowohl diesen Weg, als auch den schlimmen Sturm Kyrill, halte ich für einen großen Segen, vor allem für so seismographisch empfindsame Charaktere, wie ich einer bin.     Denn der idiotensicher markierte Weg zieht mittlerweile den Großteil aller Wanderer, Hiker und Hobbyabenteurer an, währen es auf den restlichen 99% der Wege leise wird. Die Kenntnis und das Gespür um diese Wege nimmt ab, die Mühen, sie zu entdecken, ebenfalls. Dort, wo es immer schon sehr leise war, ist es noch leiser geworden. Es ist Ruhe eingekehrt.

Wie herrlich...

 

Auf einer Vielzahl an Pfaden ist selbst an Wochenenden niemand unterwegs. Alles tummelt sich mittlerweile teils GPS-gesteuert auf der "Premium-Wanderautobahn Rothaarsteig", auf der der liebe Wirbelsturm damals in weiser Voraussicht die passenden Fernblicke freigeblasen hat. Es geschieht eben nichts umsonst.

 

Und so wende ich meine Schritte ab, hin zu den stillen Wegen, die weit im Verborgenen liegen. Denn es gibt sie Gott sei Dank nach wie vor, die verschwiegenen Plätze auf den Höhen, in den Tälern, die schmalen Stiege und Stege. Es sind jene, auf denen die Einheimischen ihrer Gedanken nachgehen, und ihre Schritte nicht schneller wählen, als der Puls der alten Welt so schlägt.

 

Sowas sensibilisiert, macht achtsam, empfindsam, und auf gewisse Weise glückseelig. Eine hohe Zufriedenheit, eher noch ein Frieden, erfasst den, der schauen mag, ganz und gar. Alles ist mit allem verwoben. Nichts treibt irgendwen zu irgendwas, Die vordergründigen Beklange eines Alltages lösen sich nahezu auf, und verlieren völlig an Bedeutung. Vielleicht bleibt darin zu erkennen, worin der Sinn eines Daseins liegen mag, und in allem eingebettet das große Glück der kleinen Dinge.



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Kommentare: 1
  • #1

    c. (Sonntag, 08 Oktober 2017 19:54)

    das ist der schönste Bock:-)