- Ein Leben rund um den VW Bus T3 -

 

in Fotografie & Geschichten

 


Im VW T3 WESTFALIA Club Joker unterwegs in Nord- und Südschwarzwald

 Nach reiflichen Überlegungen und Abwägungen haben wir auf die für diesen Sommer geplante, „große Schleife“ verzichtet, und uns entschieden, 2020 lieber in Deutschland zu bleiben. Aber was heißt das schon? Darin, im wahrsten Sinne des Wortes etwas kürzer zu treten, liegt ja nichts Abwertendes oder gar Schlechtes. Es ist schlicht anders, und vor allem, entspannter. Und darum soll´s ja unter anderem auf unseren Reisen auch gehen. Räumlich betrachtet ist dieses "Anders" für uns der Großraum Schwarzwald geworden. Und so packen wir wie immer unsere 7 Sachen ins beste Auto der Welt, und auf geht’s!

 

Ferien im VW Bus vermitteln das Gefühl von Freiheit wie keine andere Art des Reisens.

 

  Von zuhause aus gesehen liegt der Schwarzwald im Süden. Und nach Süden zu fahren, ist anders, als nach nord, ost oder west. Der Begriff Süden löst in Wort und Sinn immer etwas Magisches aus in mir. Eine Fahrt südwärts, und da muss es gar nicht zwingend bis ganz weit südlich gehen, löst Sehnsucht aus und verspricht sie mir auch gleichzeitig. Süden klingt wohlmundig, schmeckt warm, vielleicht sogar sehr warm. Süden bleibt mir begrifflich auch immer etwas geheimnisvoll, garniert mit ganz viel Wehmut und Fernweh. Erklären läßt sich das nicht, doch es mag darin der Drang stecken, der z.B. auch die Großfamilie Mauersegler südwärts fliegen läßt, die unter unserem Hausdach lebt. Sie fliegen allerdings nach Süden, bis nichts mehr geht, nämlich weit runter bis nach Südafrika. Wir hingegen biegen schon bei Rastatt von der Autobahn ab.

 

 Es ist ein unaufdringliches Reisen abseits der großen Autobahnen und Verkehrsströme, wir tingeln im Boxer-Sound auf Landstraßen dem Schwarzwald entgegen. Hier über Land, in der noch flachen, breiten Rheinebene, vorbei an Weinbergen und geschichtsreichen Ortschaften, da spielt ein WESTFALIA T3 seine Trumpfkarte aus, den ( Club-) JOKER sozusagen. Ein leichtes Hitzeflimmern über dem Asphalt, und plötzlich ist es wieder da, das oft beschriebene, und doch unbeschreiblich schöne Unterwegssein im 80er Jahre VW Bus. Für mich bedeutet ein solcher Campingbus die in Erfüllung gegangene Sehnsucht nach Freiheit. Einfach weg. Es braucht überhaupt keinen komplizierten Anlauf, um den hamsterrädrigen Rhythmus des Arbeitsalltags abzuschütteln. Es brauche tatsächlich nur solche kurzen, wundervollen Momente, und vor allem, einen klassischen VW Bus.

 

 

 

 

 

Wir queren Baden-Baden.

 

Im unmittelbaren Anschluss daran erreichen wir den Startpunkt einer der ältesten, und sicher auch bekanntesten Ferienstraßen Deutschlands.

 

Irgendwie fühlt sich das stimmig an,

in einem Campingwagen der 80er Jahre

auf der knapp 80 Jahre alten, etwa 60 Kilometer langen Schwarzwaldhochstraße

unterwegs zu sein.

 

Von Baden-Baden bis zum Hauptkamm

des nördlichen Schwarzwaldes steigt die

auch als B 500 bezeichnete Hochstraße

überwiegend steil bergan.

In mittleren Drehzahlen bollernd

kommt auch ein betagter, für die Urlaubsfahrt bepackter Bulli dort mühelos hinauf.

Nur halt nicht unbegrenzt schnell.

 

Das ist selbsterklärend und führt

jedenfalls bei mir dazu, gar nicht erst

heraus zu geraten aus der bulli-typischen Stimmung, die mich immer überkommt,

sobald ich per T3 unterwegs bin.

 

 

 

                       Immer der unverwechselbaren Nase nach.

 

 Ich nehme es mit Humor und begrinse mich derweil über andere Reisende, die wohl eher zur großen Fraktion der unentspannt Rasenden gehören. Denn hier an den langen Steigungen wähnen sich die Fahrer jener neuzeitlichen PS-Boliden sichtlich überlegen, und spielen die Kraft ihrer modernen, leistungsstarken Fahrzeuge gerne so aus, als wäre es die ihre. Viele von ihnen, vor allem eben auch die PS-stärkeren Wohnmobile, ziehen auf den Doppelspuren mehr oder minder zügig an uns vorbei. In Inneren so mancher dieser Wohnmobile erhasche ich verbissen dreinschauende Landstrassenkapitäne, und nicht selten werden mir Blicke zugeworfen, die von mitleidig über abfällig bis verärgert reichen. Wahrscheinlich haben sie durch uns Sanftreisende fünf bis zehn unwiederbringlich verloren gegangene Sekunden eingebüßt auf ihrem gehetzten Weg hinein in die totale Gelassenheit.

 Mir hingegen weicht das Schmunzeln gar nicht mehr aus dem Gesicht. Ich gönne ihnen diese kurzen, völlig wertlosen Momente vermeintlicher Überlegenheit, die in spätestens wenigen Minuten in der lebenszeitlichen Bedeutungslosigkeit verblassen. Dass hingegen ich mich noch lange an dieses Stückchen der Ferienstraße erinnern werde, ist allerdings selbstredend, denn es ist überaus genussvoll, hier auf so charmante Weise herauf zu bollern, und auch einfach mal rechts ran zu fahren, stehen zu bleiben, und zu schauen.

 

 

 Oben angelangt, passiert man kurze Zeit später den Bereich der Hornigsrinde. Dieser höchste Berg des Nord-schwarzwaldes, wie auch der in unmittelbarer Nähe gelegene Mummelsee, zählt zu den mittlerweile schaurigen Plätzen der Hochstrasse. Selbst wenn man wollte, es gelingt vor allem heute am Sonntag nicht, dort irgendwo ein Plätzchen zu finden und anzuhalten. Einfach nur rechts ran zu fahren ist schlicht unmöglich, denn überall quellen die Sonntagsausflügler aus den vielen, eng stehenden Fahrzeugen, die sich auch vor und hinter dem eigentlichen Parkplatz an der Leitplanke entlang quetschen. Die Leute stehen und gehen in Eile wirkend unaufmerksam teils mitten auf der Strasse. Mancher sogar balanciert samt Handy auf der Leitplanke, um sich selbst vor Hornigsrinde oder Rheinebene abzulichten. Sorry, kein "Like" von mir.

 Die vor sich hinstaksenden Massen hoch zur Hornigsrinde machen aus diesem angesagten Berg einen in sich wimmelnden Ameisenhaufen, um den man besser einen großen Bogen schlägt. So auch wir. Etwas später dann, so ein paar Kurven weiter, da hat sich für den Berg sicher nichts verändert, aber zumindest für uns sieht das aus dieser angemessenen Distanz eindeutig angenehmer aus.

 

Hornigsrinde, T3 WESTFALIA, und ein wenig Gelassenheit. Die Entfernung macht´s.

 

 Letztlich zahlt die Natur den Preis dafür, dass es immer mehr solcher Plätze gibt, die so derart touristisch vermarktet werden, wie diese Stelle hier. Und alle Liebhaber von Natur, Stille, und dem Genuss von Ursprünglichkeit vereitelt es eine weitere, nicht wiederherstellbare Möglichkeit, in Ruhe und Frieden draußen sein zu dürfen.

 Im völlig krassen Gegensatz zum Trubel hier finden sich übrigens entlang der Schwarzwaldhochstrasse viele alte Höhenhotels, die scheinbar dem Verfall preisgegeben sind. Die Schwarzwaldhochstrasse gehört sicherlich zu Europas schönsten Touristikstraßen. In diesem Wort stecken allerdings Fluch und Segen zugleich. Gerade die alten Höhenhotels, die ursprünglich berechtigte Anziehungspunkte für die ersten motorisierten Gäste waren, haben seit Jahrzehnten ihren Glanz verloren. Besucht von Kaiserin Sissi oder Konrad Adenauer, wie auch von anderen vermögenden Herrschaften, ist ihre glorreiche Zeit längts Geschichte. Wo ist sie heute, die goldene Mitte zwischen Adenauer, Kaiserin Sissi, und einem VW Bus Fahrer? Es mutet tatsächlich seltsam an, dass es einfach nicht zu gelingen scheint, entlang dieser herrlich verlaufenden Panoramastraße Gastronomie und Übernachtungs-möglichkeiten am Leben zu erhalten, ohne dem Nepp Tor und Tür zu öffnen, und Stil und Kultur gleichzeitig mit auszuverkaufen.

 

 Zwischen 800 und 1000 Höhenmetern verläuft die Straße nun. Nach etwa 60 Kilometern erreicht man den Luftkurort Freudenstadt. In dieser Gegend, und auch in Freudenstadt selbst, bin ich noch nie gewesen. Von daher ist alles unentdeckt. Die Wahl, um unser Lager aufzuschlagen, fällt auf den Natur-Camping Langenwald. Wir werden dort ein paar Tage bleiben, um uns die Gegend auf eigenen Füßen zu erobern.

 Die Möglichkeiten, vom Campingplatz selbst loszuziehen, sind immens. Ich mag es total, ohne Aufwand in die Natur und die nächste Umgebung zu starten. Es entspricht der Sache des Unaufdringlichen am ehesten.  Spannender Weise kristallisiert sich heraus, dass sich den alten Wegsteinen folgend deutlich zielführender wandern läßt, als den neuen, sehr verwirrenden Schildern und Wegnamen zu folgen. Von so macher App ganz zu schweigen. Und so dürfen wir im Wald einige Kleinode finden, die es nur zu sehen gibt, wenn man sich ihnen auf leisen Sohlen nähert.

 

Am einsamen See

                                Alter Wegstein

                   Am Langenbrunnenweiher


Irgendwo am Forbach

Gealtert

Beflügelt

Stilvoll


 

 Nur etwa vier Kilometer vom Naturcamping Langenwald entfernt, liegt auf einem Hochplateau am Ostrand des Nordschwarzwaldes das wunderbare Städtchen Freudenstadt. Sowohl spazierengehender Weise zu Fuß, oder per mitgenommenem Fahrrad, gelangt man vom Campingplatz aus gut dorthin. Und auch mittels der im Schwarzwald an Übernachtungsgäste ausgehändigten Konus-Karte ist die Fahrt per Linienbus einfach und kostenfrei. Und wir nutzen alle Varianten.

 

 Freudenstadt, das klingt schon ausnahmslos positiv, und Sonne pur ist hier sozusagen Programm. Schon im Jahr 1925 hieß es in einer Anzeige:

 

Die durchschnittlich größte Zahl der jährlichen Sonnentage in Deutschland

entfällt auf die Stadt Freudenstadt in Württemberg mit 64,2 Tagen".

 

Tatsächlich 7 von 7 dieser Sonnentage fallen im Jahr 2020 auf die Zeit, in der wir dort sind.

 

Das am Marktplatz gelegene Freudenstädter Rathaus mit Turm

 

 Freudenstadt hat den angeblich größten Marktplatz Deutschlands, auf dem ursprünglich ein Schloss errichtet werden sollte. Eine in diesem Zusammenhang ebenso bedeutende Information wird nirgends erwähnt: Unter dem gesamten Marktplatz befindet sich das nicht sichtbare, die Stadt nicht verschandelnde Parkhaus! Diese super geniale Symbiose aus Erhaltung des wundervollen Stadtbildes und die Umsetzung notwendiger Maßnahmen beeindruckt mich sehr. Wirklich toll anzusehen sind auch die typischen Giebelhäuser mit Fachwerk und Arkaden.

 

Impressionen aus Freudenstadt

 

 Es ist interessant zu bemerken, wie das Leben so tickt in Freudenstadt. Auf mich wirkt alles entschleunigt. Obwohl rundherum und mittendrin deutlich zu erkennen ist, dass viele Reisende, Kurzurlauber oder Tagesgäste sich so in den Gassen tummeln, verläuft sich die sonst so allgegenwärtige Hektik total.

 Gelassenheit findet sich in den Passagen, Geschäften und Strassencafés, und allerorts begenet man sich freundlich. Ich bin gerne hier, lasse keine Gelegenheit aus, immer mal wieder die 4 Kilometer auf mich zu nehmen, um wenigstens für kurz einzutauchen dort. Auch der 2 mal wöchentlich stattfindende Markt lockt mich von seiner Art und Weise, von den Menschen her, aber auch rein fotografisch.

 

 

 Einmalig und unverwechselbar typisch, der Blick aus der offenen Schiebetür. Ich liebe diesen rauen Charme eines ursprünglichen Campings, und ich weiß es durchaus zu schätzen, was mir an Möglichkeiten dadurch zuteil werden darf. Wer nostalgische Fahrzeuge liebt, der kann vom VW Bus einfach nur begeistert sein.

 

 

 Kleinere Reise-kleineres Besteck, back tot he roots. Das sonst gerne genutzte zweite Zimmer, welches in Form eines großen, freistehenden Zeltes mit von der Partie ist, bleibt diesmal daheim. Stattdessen kommt das gute, alte Vordach nochmal zum Einsatz. Auch auf die große Alu-Box, die sonst die Verpflegung aufnimmt, haben wir verzichtet. Im Grunde ist ja diese vermeintliche Reduzierung der eigentliche Luxus, den in dieser Form auch nur ein Campingwagen dieser Größe und Nutzbarkeit ermöglicht.

 

 Nichts, was einen treibt. Selbst die endlos vergehende Zeit hängt in solchen Momenten ein wenig in den Seilen und freut sich in Bescheidenheit mit uns. Definition von "Wellness" kommt ohne ein aufwendiges Setting aus. Zwei Faltstühle, ein kleiner Tisch, ein Schwarzwälder Bier, ein Sonnendach mit Sonne. Und dazu der alte Club Joker. Fertig ist das gute Leben! Und bitte, es ist auch nicht dieses modisch-merkwürdige Van-Life. Es ist einfach nur das gute alte Leben rund um einen betagten VW Bus.

 

 

 Der Schwarzwald sei ein düsteres Mittelgebirge. So zumindest liest es sich in vielen Beschreibungen, die sich über den Schwarzwald finden lassen. Tatsächlich wirkt das auch so, wenn man in den tiefen Schluchten unterwegs ist, an deren Hängen die großen, Schatten werfenden Schwarzwaldtannen stehen, durch deren buschiges Geäst kaum Licht nach unten dringt. Es geht aber auch anders. Einen sehr hellen, und obendrein erhellenden Tag verbringen wir auf den MTB´s im Kinzigtal.

 

 Ganz grob gesagt, liegt das Kinzigtal zwischen Nord- und Südschwarzwald. In der Nähe der Gemeinde Loßburg, die zu Freudenstadt gehört, nimmt die Kinzig ihren Anfang. Auf einer Länge von fast 100 Kilometern fließt sie dann hinunter nach Kehl in die oberrheinische Tiefebene.

 

 Einen etwa 60 Kilometer langen Abschnitt von Alpirsbach flußabwärts haben wir per Mountainbike befahren. Den Bereich zwischen Freudenstadt und Alpirsbach schenken wir uns. Per Bike ginge es dort fast nur durch Wald und an Hängen entlang, und die Kinzig ist auch erst unterhalb Loßbach zu sehen.

 

 Dank kostenloser Bahnnutzung inklusiv Fahrradmitnahme läßt sich Alpirsbach von Freudenstadt aus prima erreichen, und genau so machen wir das auch. Der Kinzigtal-Radweg ist bestens ausgeschildert und gut zu befahren, und vor allem auch prima zu finden. OK, das ist bei Radwegen in einem recht schmalen Flußtal auch keine wirkliche Überraschung.

 

Freie Plätze

Entlang der Kinzig

Alt und Neu

Die Kleinigkeiten im Auge behalten


 

 In einem der kleinen, malerischen Orte entlang der Kinzig stosse ich auf einen wunderbar gepflegten VW T2 WESTFALIA. Da schlägt das Bulli-Herz gleich noch ein paar Schläge mehr! Ich denke, Bus und Besitzer sind hier zuhause, wenngleich ein VW Bus trotzdem immer nach Unterwegssein aussieht. Reisen im Bulli ist für alle, die es gerne ursprünglich haben und ihre Urlaubsdestination Stück für Stück erkunden möchten, die passende, vielleicht sogar die beste Fortbewegungsart überhaupt.

 

 Und das ist das Schöne an Kultfahrzeugen wie dem VW Bus – er lockt an, vereint Neugier und Vertrautheit, zaubert als Sympathieträger sofort gute Laune, bringt die Menschen dichter zusammen, und stiftet einen ganz besonderen Zusammenhalt und Solidarität zu den Fahrern des geliebten Modells. Ich lasse dem Besitzer, der Besitzerin gerne eine Visitenkarte da, stecke sie ganz vorsichtig an den Scheibenwischer.

 

Glückwunsch zum Fahrzeug, und die besten WESTFALIA-Grüße hier auf diesem Wege!

 

Diese Augen können nicht lügen.

 

 Ein gewisses Bedürfnis, von schönen Erfahrungen und wunderbar gelegenen Orten & Plätzen zu berichten, haben wir Webseitenbetreiber und Blogger wohl sicherlich alle. Die letzten Jahre folge ich aber auch zunehmend den Beiträgen, die sich kritisch beschäftigen mit allzu detaillierter Bekanntgabe bestimmter Orte und Plätze. Manche Regionen ersticken an der lästigen Zunft derer, die sich alle auf den Weg machen, um das millionst-und-einste "Klick & weg-Foto" der Stelle zu machen, von der es schon Millionen Fotos gibt. 1 Millionen Fotos sind mindestens 2 Millionen Beine, von denen die wenigsten für Nachhaltigkeit einstehen.

 Ich denke nicht, dass man zum Diplombedenkenträger mutieren muß, und in Folge nichts mehr zu den Feinheiten eigener Reiseziele sagt oder schreibt. Aber es macht sicherlich Sinn, sein Tun & Lassen zu reflektieren, um dem Wörtchen "Geheimtipp" nicht die Bedeutung zu rauben. Es macht einen beachtenswerten Unterschied, ob wir diese "Geheimtipps" worldwidegewebt für jedermann frei Haus preisgeben, oder vielleicht nach Kontaktaufnahme nur einer kleineren Zahl von wirklich Interessierten ins Ohr flüstern...

 

Schatten ist Mangelware

Eiszeit

Wenig los im Lande


Mittagsruhe unter Wimpeln und Fähnchen

Obstbaumwiesen im Kinzigtal


 Man meint es nicht, aber 102 Gipfel überragen im Schwarzwald die 1.000-Höhenmeter-Marke. Einigen davon, die im Südschwarzwald liegen, werden wir uns nähern. Es ist die 2. Woche, es ist Sonntag, und wir befinden uns auf der Strecke zwischen Freudenstadt und dem Titisee. Wir haben in aller Ruhe gefrühstückt, und dann den Naturcamping Langenwald hinter uns gelassen. Dafür, unser "Lager" komplett abzubauen und alles im Bulli zu verstauen, reichen uns ruhige 35 Minuten. So geht das.

 

  Auf der Fahrt, die uns noch ein Stückchen weiter in den sagenumwobenen Süden bringen wird, passieren wir ein weiteres Mahnmal touristischer Massen. Die Plakate und Hinweisschilder sprechen eine eindeutige Sprache. Wir nähern uns dem "höchsten Wasserfall Deutschlands", und der "allergrößten Kuckucksuhr Deutschlands", und das alles gelegen im "tiefst eingeschittenen Tal des Schwarzwaldes". Wir nähern uns dem Örtchen Triberg.

 

 In Triberg bin ich Mitte der 90 Jahre gewesen, und zwar auf meinem Weg zu einem internationalen Hundeschlittenrennen in Todtmoos. Der Triberger Wasserfall war damals völlig vereist, und völlig ohne Besucher. Und, wenn ich mich recht erinnere, auch völlig ohne Eintrittsgelder zugänglich. Das ist mitt-lerweile anders. Und eigentlich ist dort mittlerweile alles anders.

 

 

Fotografie ist die Kunst des Ausblendens. In dem Fall den Trubel.

 

 

Dann erreichen wir die Region Titisee.

 

 Ehrlich gesagt, auch hier ist es durchaus machbar, um den etablierten Massentourismus herumzuleben, oder besser gesagt, ihm erst gar nicht zu begegnen. Denn so, wie Ischgl nicht für die Alpen steht, steht Titisee nicht für den Schwarzwald. Von derher liegt es an jedem selbst, an dir, an mir, was wir dort tun oder lassen.

 

Weitblick

Wogen glätten

Aufgereiht


 

 

Wer wissen will, wie andere Menschen empfinden,

der sollte mal einen Tag in deren Schuhe gehen,

so sagt man. Bildlich gemeint mag das alles gehen. Aber gelingt das tatsächlich?

 

 

Sich ein Urteil bilden wollen, nachdem man

für sich entschieden hat, anderer Leute Umstände vorab verstehen zu müssen, geschieht allzu oft. Heraus kommt selten etwas Sinnstiftendes.

 

 

Vielleicht ist es ja charmanter, erst gar nicht alles verstehen wollen zu müssen, um es gut zu finden. Vielleicht reicht es ja auch, die Dinge und Menschen

in ihrer Unterschiedlichkeit zu nehmen, wie sie sind,

und zu akzeptieren, wie wir sie vorfinden.

 

 

Am Titisee ist nicht alles pauschal,

und besonders nicht alles pauschal touristisch.

Es gibt herrliche Fleckchen Erde dort ringsherum,

und die haben wir uns weitestgehend erlaufen.

 

Und zwar in den eigenen Schuhen.

 

 

 

 Von den 3 Campingplätzen, die unmittelbar am Titisee liegen, erscheint der Camping Bühlhof der zu sein, der uns am ehesten liegt, denn er liegt nicht direkt am See. Steil oberhalb des Ufers zu finden, macht er es nötig, eine letzte Anstrengung auf sich zu nehmen, um das weitläufige Gelände zu erreichen, und ebenso sind es fußläufig knappe 1,5 Kilometer bis nach Titisee-Ort. Für die meisten Leute ist das eine Hürde, und für uns ein Glück, wie es scheint. Herrlich, denn trotz stark wahrnehmbarem Ferienbetrieb ist die Situation am Platz recht entspannt.

 

Es darf ein bisschen mehr sein

Freiraum

Spülhof am Bühlhof


 

 Eine der Touren geleitet uns in die herzerfrischend unversaute Ravenna-Schlucht bei Hinterzarten. Durch das recht bekannte Eisenbahnviadukt, das nicht unweit von der Strasse entfert ist, die durch´s Höllental führt, gelangen wir zum Weg aufwärts in die Schlucht. Die Länge ist überschaubar, die Wegführung für Groß und Klein machbar. Einzig eine gewisse Trittsicherheit sollte vorliegen. Auf den Stegen und Brückchen, oder einfach mal am Bach sitzend, läßt sich die Schlucht hautnah erleben. Ja, richtig klasse ist es dort. Obwohl überall angeprisen und ausgeschrieben, folgen längst nicht so viele Leute der Beschilderung in die Schlucht, als ich angenommen hätte. Und abgesehen von der landschaftlichen Herrlichkeit dort, passiert man in und um die Schlucht immer mal wieder eine der alten, typischen Schwarzwälder Sägemühlen. Sie werden zu Anschauungszwecken ab und an sogar in Betrieb genommen.

 

Überbrückt

Durchströmt

Vorbereitet


 

 Der Adler ist abgelöst. Als inoffizielles Wappentier Deutschlands gilt schon länger der Rotmilan. 60% der gesamten Weltpopulation brütet in Deutschland. Und ein großer Teil davon wiederum im Schwarzwald. Wer weiß, wo sie zu finden sind, sieht sie auch. In einer glücklichen Stunde sind mir davon etliche Exemplare wenig scheu und recht nah vor der Linse herumgeflogen. Es war eine skurile Situation. Über einer frisch gemähten Wiese kreisten sie plötzlich, sicherlich 10 Stück oder mehr, tauchten auf einmal auf wie abgesprochen. Ich hatte passend das Teleobjektiv auf der Kamera, durch das ich sie beobachten und ablichten konnte.

 

 

 Der Feldberg! Superlative im Südschwarzwald! Natürlich, der höchste Gipfel, er lockt, zieht an. Und er liegt unweit der Panoramastrasse, über die er für jedermann leicht zugänglich ist. Von der Feldberg-Passhöhe sieht man ihn schon. Ähnlich der Hornigsrinde im Norden, wurde auch hier keine Möglichkeit ausgelassen, die Menschen-massen auf ihn hinauf zu bekommen. Für viele Leute scheint es als Normalzustand zu gelten, Berge per Seilbahn oder Sessellift erklimmen zu können, oder generell überall anstrengungslos hinzugelangen. Für mich ist es eine Form von Konsum, der lebensfern und unwirklich ist. Einen Berg, sei er nun 8848 Meter hoch, oder 1470, hat man sich zu erschreiten. Berge beheimaten Würde. Dementsprechend darf man sich als Besucher oder Gast auch bitte entsprechend verhalten. Für mich bedeutet das, dass der, der auf den Berg zu gehen in der Lage ist, das auch bitteschön genau so tun sollte.

 Den größten Gefallen damit tut man damit übrigens nicht dem Berg, sondern sich selbst. Das Betreten des Gipfels geschieht langsamer, und damit automatisch respektvoller und dankbarer. Das einzigartige Erlebnis wird damit nachhaltig, erinnerungsschwer und bedeutungsvoll. Sich aus Sesselliften und Seilbahnen dort oben einfach nur abkippen zu lassen, darf gerne neu bedacht werden. Völlig entstellt und vernarbt durch Seilbahnen, Skilifte, eine Kirche aus Beton, eine bunte Einkaufswelt, ein Hotel, und ein alles überragendes Parkhaus, erleidet der 1500m hohe Feldberg dasselbe Berg-der-Berge-Schicksal wie Matterhorn, Mt. Blanc und Mt. Everest.

 

Wir klammern ihn aus.

 

Feldberg. Lasst ihn hinten verweilen, man muß dort nicht sein, Schwarzwald kann so viel mehr!

 

 Stattdessen wenden wir uns südwärts der Passhöhe auf den stillen Weg hoch zum Herzogenhorn. Er ist der zweithöchste Berg im Schwarzwald. Selten bis kaum erwähnt, selten bis kaum begangen, und bis zum heutigen Tage ausgekommen ohne Seilbahnen, Pommesbuden, dem Duft von durchschwitztem Sonnenöl und anderen unschönen Begleitumständen. Einmal oben angekommen, teilen wir uns den frühmorgentlichen Genuss mit vier weiteren Naturfreunden, die uns stumm und lächelnd grüßen. Gemeinschaft im Geiste findet sich hier, und ein grandioser Ausblick nach Süden ebenso. Da ist er wieder. Der Süden! Ich kann mich nicht sattsehen an diesem urzeitlichen Panorama. Fast schon unwirklich liegt die Alpenkette da vor mir, leicht im Dunst, eher einer Ahnung gleich, so, als würde ein Restzweifel bleiben sollen, ob ich wirklich sehe, was ich dort sehe. Lange schaue ich dorthin, mag den Blick nicht abwenden. Magie, Sehnsucht, Fernweh, zeitlose Erhabenheit...

 

 

 Auf dem langen Weg zurück zum Titisee kreuzen wir erneut die Passhöhe, durchschreiten eiligst die Schlange der Wartenden, die bei schattenlosen 35 Grad und dementsprechender Familienausflugsstimmung an der leicht surrenden Feldberg-Seilbahn anstehen. Wir mogeln uns hastig hangseits am Feldberg vorbei, lassen ihn einfach links liegen. Ganz leise, fast schon heimlich, erreichen wir anschließend auf schattigen, verwunschenen Pfaden den wunderbar gelegenen Feldsee. Auch hier ist sensationeller Weise nahezu niemand. Außer denen, die da "oben" einfach auch nicht sein wollten.

 

 

 Wir verlassen dann später den See, und folgen hangseits dem Gelände zwischen Bärental und Bisten, und erreichen nach gut 30 Wanderkilometern schlußendlich den Campingplatz Bühlhof. Ein anstrengender, aber herrlicher Tag liegt hinter uns. Und es soll für diese Reise auch der letzte gewesen sein.

 

Ein letztes Mal

über die Höhen des Schwarzwaldes,

die Kompassnadel hat sich gedreht.

Heimwärts, nordwärts geht es.

 

Nichtmal ein Viertel der sonst so üblichen Reisekilometer sind es geworden. Aber es gibt nichts

zu beklagen oder zu vermissen.

 

Die Eindrücke waren reichlich,

der Schwarzwald ist mehr

als nur eine Reise wert.

Wer Ruhe sucht, die Natur liebt

und zu schätzen weiß, was sich

dort findet, der ist dort richtig.

 

Und es zeigt sich erneut,

wie zeitgenössisch, aber auch

wie unglaublich zeitgemäß

eine Reise sein kann im VW Bus T3.

 

Wohl wahr, mehr geht irgendwie immer.

Aber das ist alles so herrlich überflüssig.

Wir haben mit unserem Fahrzeug unterwegs und auf den Plätzen

immer zur verschwindend kleinen Riege der "Kleinwagen" gehört, und wir haben den Umstand kräftig gefeiert!

 

Ein wenig Maß und Mitte in Allem,

Demut und Zufriedenheit,

ein Lächeln für die Mitmenschen,

die Gunst der guten Mächte,

und ein VW Bus, das reicht völlig aus,

um friedvoll "unterwegs" zu sein.

 

      Herzlich, Dirk Trampedach


 

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